Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 3 (Jänner 1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Figdor, Horowitz, Bäsch, Boschan und andere gehören zu den ersten Schrittmachern in Wien und stammen alle aus dem Preßburger Ghetto. Einige dieser Familien kamen dann zu großem Reichtum, wie die Familie Eskeles, die bereits Anfang des 19. Jahrhunderts die Baronie erhielt; oder die Familie Figdor, deren letzter Sproß, als Inhaber der berühmten Kunstsammlung Figdor, noch in unseren l agen im Mittelpunkt des Interesses stand. Aber auch im Ii). Jahrhundert wandelten jüdische Familien noch aus Deutschland ein. Die Bettelheim, Pappenheim, Schwabacher-Kohn, Breisach. Gomperz, Leitersdorf, stammen schon ihrem Namen nach aus dem Reich. Andere große jüdische Familien kamen aus Italien, besonders aus Venedig und der Lombardei, die noch vor hundert Jahren unter dem Szepter der Habsburger standen; so sämtliche Familien, die den Namen Tod eis CO oder Tedesco führen (dieser Name heißt in der Uebersetzung ,,Deutsch"). Die betreffenden Familien wanderten vor vielen hundert Jahren aus dem deutschen Sprachgebiet nach Italien aus und übersiedelten dann viel später nach W ien. Auch jene Wiener Familien, die den Namen Weibisch führen, stammen aus Italien. Sie wurden von der hiesigen Bevölkerung so genannt, da sie „welscher" Abkunft waren. In den Zwanziger jähren des vorigen Jahrhunderts bewohnten die wiedereingewanderten -luden zum großen Teil jenes \ iertel Wiens, das schon ihre Vorfahren bis zu ihrer \ ertreibung im Jahre 1421 besiedelt hatten, nämlich die Gassen um den Hohen Markt: Wipplingerstraße, Salvatorgasse, Judengasse, Sterngasse, Krebsgasse, Rupprechtsplatz, Fischersteig, Berg] und den Katzensteig, die heutige Seitenstättengassc. Aul dem Brillantengrund bei der Lerchenfelderstraße, aber auch in der Provinz, wurden zahlreiche Fabriken von diesen jüdischen Einwanderen gegründet und wir sehen unter den Textilfabrikanten schon Namen wie Samuel F. G o I db erger, Gebrüder G r a n i c h s t ä d t e n, 1 ,azar Eppstein, 1, e d e r e r und L i p p in a n n, Gebrüder Taussig etc. Ein Großteil dieser Firmen besteht heute noch. Auch in der Juwelierbranche tauchen die Wiener duden auf. Eduard Hirsch, Moritz Horow i t /,, I lerrmann Rat/ e r s d o r I e r, Josef und Adolf König, Alois Krauss, M.B. Goldschmidt und Sohn brachten es in diesem Geschäftszweig zu großem Ansehen. Die Edelsteinhündler rekrutierten sich in dieser Zeil fast ausschließlich aus den Reihen der Juden. Ihr Sitz war ein Cafehaus bei der Ferdinandsbrücke, das sozusagen als Edelstein- und Juw elenbör.sc galt. Der ganze Schmuckhandel Osteuropas wurde in den Räumen dieses alten Cafehauses abgewikkelt. Sehr viele dieser Händler waren Spaniolen, die aus Belgrad, Jassy, Bukarest, Konstantinopel, Korfu oder auch aus Aegypten eingewanderl waren. Die bekanntesten Namen, deren Träger noch heute eine Rolle in Wien spielen, sind A d u 11, A 1 k a 1 a i, A m a r, De M a y o, R u s s o, Sabatai und Suss i 11. Aber den größten Erfolg errangen die Wiener .luden auf dem Gebiete des Finanzgeschäftes. Die Firma S. M. v. R o th s chil d w ar bereits in dieser Zeit keine Filiale des großen Frankfurter Hauses mehr, sondern eine der führenden Bankfirmen der Welt. Sie kontrahierte Staatsanleihen, gründete die Nordbahn und eine Reihe anderer [ndustrieunternehmungen. .Sie stellte schon damals eine europäische Finanzmacht dar und blieb es bis zu unseren Tagen. Auch die anderen Spitzen der jüdischen Gesellschaft in der Mitte des 10. Jahrhunderts gehörten zumeist der Bankenwelt an. Sie gründeten große Firmen wie Herr mann Todes co, M. F. Biedermann u. Co., Moritz Kör n i g s w a r t e r, Adolf von \\ e, r th'e i in s t e i n II. v. W e r th e i m s t eifln u. Sohn, Samuel Lippmann, I. L. Edler von Hoffmansthal, 1,. A Elkan und die Firma I. I. Löwenthal mit den Firmenchef J a k o b Ritter v. I, <"> w e n t h a 1. Diese vornehmen Firmen, die im Wirtschaftsleben eines großen Reiches tätig waren, gehörten Leuten, denen lange Zeit hindurch nicht einmal offiziell gestattet war, sich in Wien aufzuhalten. Im Jahre 1792 wurde eigens das K. k. Judenamt neben der Peterskirehe am Petersplatz geschaffen, um die Judengesetze strengstens durchzuführen und alle Juden, die nicht im Besitze einer Aufenthaltskarte waren, sofort „per Schul)" abzuschaffen. Jeder Jude mußte sich in diesem Amt „Am Peter" melden und bekam eine Aufenthaltskarte für drei 'Tage; war er nicht in der Tage, seine Geschäfte innerhalb dieser drei Tage abzuwickeln, so mußte er um eine erweiterte Aulenthaltsbewilligung ansuchen, die ihm gegen eine Taxe auf acht Tage gewährt und nur einmal verlängert wurde. Der angesehene Freiherr von Eskeles, dessen Tochter einen der angesehensten Aristokraten der alten Monarchie geheiratet hatte, mußte alle vierzehn Tage das 'Tor am Roten 'Turm formell passieren, um dann wieder Wiener Gebiet zu betreten und den Aulenthalt neu zu erringen. Zu dieser Zeit wurde die Leopoldstadt, die offiziell außerhalb der Stadt lag, von Juden besiedelt, die dort ihre Häuser bauten und täglich durch das Rotenturmtor nach Wien fuhren, um ihre Geschälte zu besorgen. Die Rothschilds, die Königswarters, die Wertheimsteins waren schon längst Leuchten der Wiener Geschäftswelt, als einige neue Familien in 8