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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-01-01 · 3 (Jänner 1934) · p. Seite 7

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
3 (Jänner 1934)
Date
1934-01-01
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
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Dr. Ludwig Rehfeld Jüdische Patrizierfamilien in Wien Wenn man das große, -sehr kultivierte und gebildete Judentum Wiens ins Auge faßt, das heute mehr als 200.000 Köpfe zählt und einen beachtenswerten Faktor im wirtschaftlichen und geistigen Leben der österreichischen Bundeshauptstadt bildet, klingt die Tatsache, daß sieh im Jahre 1848 insgesamt nur 10.000 Juden in Wien befanden und auch diese geringe Zald zumeist aus, im europäischen Sinne, kulturell rückständigen Personen bestand, fast unglaubwürdig. In Wien wohnten wahrscheinlich schon zur Römerzeit Juden. Ausgrabungen aus der Zeit des Kaisers Marc Aurel liefern die Anhaltspunkte dafür, daß in der Donauarmee des Philosophenkaisers zahlreiche Juden gedient haben. Vor einigen Monaten fand man in der Nähe von Budapest in einem römischen Massengrab aus der Zeit Maie Aurels den Grabstein eines jüdischen Soldaten. Auch während des ganzen Mittelalters gehörten die Juden zu den ersten Kolonisten der Donauprovinzen und zählten zur Urbevölkerung Wiens. Wohl sonderten sie sieh stets von den übrigen Einwohnern ab, doch wurden sie in den ersten Jahrhunderten nach dem Zerfall des römischen Reiches nicht nur nicht verachtet oder verfolgt, sondern standen bei den Mitbürgern in hohen Ehren. Zu dieser Zeit war der Handel in Europa noch in den Kinderschuhen und die Juden bildeten die Brücke zwischen dem werdenden Mittel- und Nordeuropa und der alten Kulturwelt der Mittelmeerländer. Die- Fürsten wetteiferten in der Errichtung von Judenkolonien in den Städten, da mit ihnen auch Wohlhabenheit und internationale Beziehungen in das betreffende Land einzogen. Noch im II. Jahrhundert sehrieb der Bischof von Speyer in einem Edikt: „Ich habe gedacht, die Ehre unserer Stadt tausendjach dadurch zu mehren, wenn ich die -Juden in ihren Mauern aufnehme . . ." Auch in Wien gehörten die Juden bis zur /weiten Hallte des 13. Jahrhunderts der vermögendsten und geeintesten Schicht der Bevölkerung an. Ihre Siedlungen in Zentrum der .Stadt zwischen dem alten St< n-Hof und Lederer-Hof bis zum Schul-Hof mit;) hübschen Steinwohnhäusern, einer Synagoge r d einein Schulhaus, gehörten zur Zierde des damaligen Wien und hatten keinesfalls den Charakte des späteren Ghetto. Sie besaßen auch in and ren 'Teilen der Stadt Häuser, wohnten aber lieb' nebeneinander, ebenso wie später die Grieche: und noch später die Tschechen. I)'; Peric-de der Verfolgungen begann in ganz Mitteleuropa Mitte des Iii. Jahrhunderts. Ueberäll erstand in den Städten eine Bevölkerungsschicht \on Händlern und Gewerbetreibenden, die die Juden als eine starke wirtschaftliche Konkurrenz empfand. Schrillweise wurden die jüdischen Mitbürger aus dem Handel und dem Gewerbe hinausgedrängt., unter den verschiedensten Vorwänden gemartert, erschlagen oder ausgewiesen. Am Anfang des l(i. Jahrhunderts linden wir in Wien, ebenso wie in allen deutschen Städten Mitteleuropas, nur mehr ein erniedrigtes, verarmtes, auf das Hausieren und Geldverleihen zurückgedrängtes Judentum, das sein Leben in den außerhalb der Städte erbauten, geschlossenen Judengemeinden, in den Ghettos, von heute aul morgen fristete. Die im Jahre 1421 von Herzog Albrecht aus Wien und Niederösterreich ausgewiesenen Juden flüchteten teils nach Preßburg, teils nach Eisenstadt. Vuch dort wurden sie nicht geduldet. Aber im 17. Jahrhundert gelang es ihnen durchzusetzen, daß die ungarischen Feudalherren dieser beiden Städte ihnen erlaubten, sich vor den Toren anzusiedeln. So entstand das Preßbürger Ghetto aul dem fürstlich Palffy'sehenSchloßgrund und das Eisenstädter aul dem fürstlich Lstcrhazy'sehen Unterberg. Im Laufe der letzten zweieinhalb Jahrhunderte übersiedelten dann die Juden vorsichtig, Familie um Familie, wieder in die Nähe Wiens. Bereits in der zweiten Hälfte des IT. Jahrhunderts gab es einige hervorragende Persönlichkeiten unter den Juden, die in der Kaiseistadt zu großen Ehren und großem Vermögen kamen. Der bekannteste dieser Juden war der Stammvater der Wiener Familie Oppenheimer, Samuel Oppenheim er, der den ganzen Feldzug Kaiser Leopolds und seines genialen Feldherrn, Prinz Lugen, gegen die Türken finanzierte. Nach seinem Tode übernahm sein ehemaliger Prokurist Samson Wertheimer diese Holle als kaiserlicher Laktor und winde zum Stammvater der Familie der Bitter von Werlheimstein, die noch heute im Wirtschaftsleben der österreichischen Nachfolgestaaten eine große Bolle spielt. Oppenheimer und Wertheimer waren aber reiehsdeulsi her Abstammung, während die meisten berühmten Judenfamilien W iens aus dem Preßburger Ghetto stammen. Die allmähliche Wanderung der Juden aus Preßburg nach Wien war ein Prozeß, der während des ganzen Iii. und während der ersten Hälfte des!!). Jahrhunderts fortdauerte. Die Familien Dukes, Ehrentheil, Steinhart, Lskeles 7

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