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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-01-01 · 3 (Jänner 1934) · p. Seite 5

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
3 (Jänner 1934)
Date
1934-01-01
Page
Seite 5 (sequence 7)
Language
German
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diese in die Vertretung des Industriestandes einzugliedern. Aufgabe politischer Vereinigung e n k <i n n e s n u r s e i n, d e n W e g /. u s o lc Ii e r ge s e t z1i c Ii e r V e r;i n k e r u a g e i n e r n;i t ü r 1 i c h e n j ü d i s c h e n (I e s a m 1 v e r t r et u n g e b n c n /. u Ii e I I e n. Die Schaffung einer gesetzlich anerkannten Gesamtvertretung der österreichischen Judenschaft bring! den Gewinn einer jüdischen Vertretung, die Verwirklichung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden in einer praktisch mögliehen Form und keinerlei Beeinträchtigung ihrer Rechte. Die jüdische Gesamtvertretung würde eine reiche Aufgabenfüll'e vorfinden. Als erste und wichtigste Aufgabe, die von den Kultusgemieinden bisher nicht in Angriff genommen wurde, würde ihr die S c h a f Eun g ei n e r j ü d i s c h e n Ii e r u I' s - Statistik oblie g e n, für welche alle technischen \ oraussetzungen vorliegen- Das Material der \ olkszählung vom Jahre 1923 ist diesbezüglich noch unverwertet. Die Stadtgemeinden besitzen das statistische Urmaterial, um auf dieser Grundlage die Entwicklung der Berufsverteilüng der -luden vom Jahre 1923 bis heute einwandfrei und amtlich Festzustellen. Erst auf Grund der so ermittelten Daten kann die Frage der Berufsumschichtung der .luden in Angrifi genommen werden. Warum man diese Arbeit bisher gemieden hat, obwohl sachkundige Persönlichkeiten auf sie hingewiesen haben, ist damit zu erklären, daß niemand hiefür zuständig war und ist. Man muß es dulden, daß in der Oeffentlichkeit Ziffern über die jüdische Ueberfremdung von Berufen kolportiert worden, die offenkundig den Tatsachen widersprechen, weil man diese Ziffern, die Schätzungen darstellen, nicht widerlegen kann. Niemals hat man je ernstliche Verhandlungen geführt, ohne das notwendige Material zu besitzen. Aber man darf künftighin nicht darauf verzichten, sich ein Material zu beschallen, das greifbar vorliegt. Wie alle Dinge, ist auch die Judenfrage dann lösbar, wenn man sie einfach sieht, durch klare Brillen des u n b e f a n g e n e n Auges. Wie jede klare Lösung, ist auch diese Regelung der politischen Position der .luden in Oesterreich nicht im einseitigen Interesse eines Teiles gelegen, sondern i m Interesse aller Teile. Klarstellung und klare O r d n u n g bat n o c Ii n i e j e in a nd e in g e s c h a d e t, s o n d e r n n u r all e n ge - n ü l /. t. K. ,,1#laUel'' du Abda*n*nuh% Es ist nicht zu verkennen, daß sieh in unseren Tagen eine große Tragödie abspielt, indem eine ganze Reihe von Personen ihre von ihnen persönlich nicht verschuldete Abstammung von jüdischen Ahnen als persönlichen Alakel empfinden müssen. Dabei stellt sich heraus, daß eine ganze Reihe derartiger Familien den auf ihnen lastenden Makel einer halb- oder vierteljüdischen Abstammung ihren Nachkommen verschwiegen haben. Man weiß, daß sich hieraus — nach Enthüllung dieser den betreffenden Personen selbst bis dahin gar nicht bekannten Tatsache mehrmals schwere persönliche Tragödien entwickelt haben. In Berlin hat sich kürzlieh ein „Reichsverband christlich-deutscher Staatsbürger nichtarischer oder nicht rein arischer Abstammung e. V." gebildet, dessen IName selbst bereits Bände spricht. In dem Archiv dieses Vereins befinden sich merkwürdige Dokumente. Es melden sieh Personen, die sich schuldig bekennen, ihren Familienmitgliedern die Tatsache ihrer jüdischen Abstammung verheimlicht zu haben. Nun fürchten diese Personen, daß die so belasteten Enkel, wenn sie die Wahrheit erfahren, diesem Erlebnis nicht standhalten werden. Die Tage, die wir durchleben, lehren uns wie wenige Epochen unserer Geschichte, daß wir Juden bleiben müssen, selbst wenn man uns in einer bestimmten Epoche den Lebertritt leicht macht; und wir wollen nicht gezwungen Juden bleiben, sondern unser Judentum freudig bejahen und das Beste daraus machen, damit nie wieder ein so beschämender Zustand heraufkommen kann, daß unsere Enkel sich einmal unserer schämen müssen. Welches Licht werfen diese Enthüllungen auf den Seelenzustand der vorigen oder vorvorigen jüdischen Generation! .luden, die, vor sich selbst, vor ihrer Abstammung auf der Flucht waren, glaubten, sich individuell retten zu können, wenn sie sich persönlich dem Druck, der auf der jüdischen Gemeinschaft lastete, entzogen. Sie glaubten, in der Masse der Umwelt untertauchen zu können. Die Taufe erschien nicht nur als „Entree-Billet zur europäischen Kultur", wie Heine es nannte, sondern geradezu als das Tor, durch welches man einem jahrhundertealten Schicksal endlich entfliehen konnte. Wie furchtbar zeigte sich uns in diesem Spiegel die Haltlosigkeit der jüdischen Generation jener Zeit! Es waren Juden, die am besten zu fahren glaubten, wenn sie ihr Judentum vernachlässigten und schließlieh verleugneten. Sie verstanden nicht, daß es für .luden keine Flucht gibt, daß nur durch selbstbewußtes Tragen des jüdischen Schicksals, durch ein stolzes Bejahen seines Judeseins eine innere Harmonie selbst bei äußerer Bedrängnis — Ibei ihnen erzeugt w erden kann. 5

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