Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 3 (Jänner 1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 1 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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WIENER JÜDISCHES FAH ILI ENBLdTT Redaktion und Verlag: Wien I, Petersplatz 7 - Telephon U-25-4-70 ^JAHRGANG JÄNNER 1934 NUMMER 3 Mehr Religiosität Rat*.Prof.Dr.KanKuPf* Max Liebermann, der große, ringende Künstler, der sein jüdisches Volk liebte, wählte zu seinem Wahlspruch die biblischen Worte Jakobs, als dieser vom Engel, der mit ihm rang, Abschied nahm: ,,lch lasse dich nicht, du segnest mich denn . . ." Diese Worte sind kennzeichnend für das heutige ringende Judentum. Die Ereignisse der letzten Monate des Jahres ÜKilS, die jüdische Selbstbesinnung, die sich auch im jüdischen Menschen und in den jüdischen Parteien kundtut, begünstigt die Hervorbringung einer neuen und anderen Literatur in unserem jüdischen Geistesstreben. Wir brauchen neue Dokumente unseres Jttdischtums. Das ist der Weg zu einer Ueherpart e i l i c h k e i I, nach d e r s ich unser Volk sehnt. Diese U e b e rparteilichkeit ist d i e j ü d i - sehe Religiosität. Die einzig gültige Erklärung des ganz modernen, jüngsten Judenhasses ist, daß er da ist. Alle anderen Erklärungen sind ein Gespinnst von Unwirklichkeiten. Jedes Bekämpfen ist nutzlos, da man uns lieber angreift, befehdet, als uns anhört. Es ist viel verlohnender, verheißungsvoller, ohne Gewalt, wie von seihst zur jüclischen Religiosität zurückgeführt zu werden. Innere Hüstung mit jüdischer Religion, deren Kraftquelle unermeßlich ist, bildet die beste Sicherung unseres inneren, vielleicht sogar unseres äußeren Friedens. Die Abendstunde des negativen und die Gefühle tötenden Rationalismus hat geschlagen. Die alles zerpfl ü c k e n d e V e r n ü n I ( e I e i hat sich ii he riebt. Die Krise der exakten Wissenschalten, soweit sie mit modernen analytischen Mitteln alle Probleme lösen wollten, führt zu einer Entfernung vom dogmatischen Unglauben, und gerade deshalb zu einem machtigen Lebensauf Schwung im Gesamtbereich der \\ issensc ha I (en und der Weltanschauung. Damit kann das Judentum nur gewinnen. Es kann die Verbindung mit seiner Vergangenheit wiedererlangen. Es kann, wenn es seiner Vergangenheit ehrlich ins Auge sieht, sich an der Vergangenheit für die Zukunft kräftigen. Die jüdische Jugend begehrt heute mehr Religiosität, mehr „Jüdischkeit". Sie drängt sich in die Tempel, sie will beten, und sie staunt über die Eltern, die nicht beten. „Ich muß mit meinen Idtern, mit meiner Erzieherin einen steten Kampf führen, um in den Tempel gehen zu können", erzählte mir ein zwölfjähriges Mädchen. Auch die jüdische Intelligenz wird von ähnlichen Hegungen erlaßt. Die Religiosität, die ohnehin überall unbewußt schlummert, kann in jeder jüdischen Seele heranwachsen und eine altneue jüdische Gemeinschaft erzeugen. Je mehr wir der jüdischen Religion angehören, desto gewisser wächst unsere Freude und unsere Ruhe. Gewiß, auch Sorgen, Mühen und Schmerzen werden wachsen. Aber Mühe wie Rühe werden dann zu Zellen im Baume, zu Steinen im Baue des Tempels. Alles wird uns dann zur Erbauung dienen. D e r cl u ich die Religiosit ä t e r b a n t e j ü d is c b e M c n s c Ii ist cl e r e i g e n t I i c Ii e J u cl e. Die jüdische Heligiosität verwandelt sich naturgemäß in eine W er k t ä t i g k ei t (hebräisch Mizwah, nach Hermann Cohen (leset/, u n cl Pf 1 i c Ii t ZU glei c Ii). Die jüdische Seele kann gerade in der Armut und in anderen Bedrängnissen in die Tiefe wachsen. Im Mittelaller blieb sie unter politischer Unfreiheit und bürgerlicher Rechtlosigkeit frei, ja weit und wachsend, innerlich unabhängig und unerschöpflich. Mit der s y s I e m a t i s e h e n Pfleg e der jüdischen Heligiosität sollte sofort begonnen werden. Die seelensteigernde Macht der jüdischen Reli gion haben die deutschen Juden in letzter Minute erkannt und sie sich nutzbar gemacht. Im heul igen Judentum gibt es n u r e in Glück, die Seelen Steigerung cl ii r c h H e I i g i o n. Da die Kinder die Erneuerung des jüdischen Lebens näher sehen als die Erwachsenen, würde ich zum Teil nach deutschem Muster die Gründung von jü di schrei i g i ö s e n Ii an d e n vorschlagen, mit dem /wec k des innigen Anschlusses an den Tempel und an jüdische Bräuche Ebenfalls nach deutschem Muster mögen Kurse entstehen, deren Zweck die rascheste Erlernung der hebräischen (iebetsprache und des hebräischen Gebetbuches bilden soll. Diese Kurse gelten für die Erwachsenen. Hand in Hand damit oder als Folge der Kurse würde die Intensivierung des Gottesdienstbesuches folgen. I) i e Zeit cl r ä n g t. \\ ir wissen gar nicht, vv ie diese Gefühle, Gedanken und Ueber/eiigungen, die in der jüdischen Heligiosität wurzeln, den vollen Ausdruck erlangen werden. Durch Religiosität gelangen wir auch zur Pflege der jüdischen Kunst. Der Bau eines jüdischen Tempels etwa im Sinne jüdischer Kunst und jüdischer Ornamentik, die Ausgestaltung eines jüdischen Heimes durch jüdische Künstler und manches mehr. 1