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Jüdische Rundschau · 1908-12-25 · 16 (25.12.1908) · p. Seite 132

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IV (1908)
Issue
16 (25.12.1908)
Date
1908-12-25
Page
Seite 132 (sequence 8)
Language
German
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132 No. 16 LITERATURBLATT kelheit. gewöhnt und das Gefühl der Uebelkeit überwunden hat, das die verpestete Luft hervorruft, gewahrt man, dass aus diesen Augen nicht nur Irrsinn, sondern auch der Hunger .schreit. Man gewahrt, dass die flehend emporgehobenen Hände an den Gelenken schwere eiserne Ketten tragen, und dass auch der Hais in Eisen gelegt ist. Die verzweifelten Schreie, die sich diesem elenden Geschöpf entringen, wiederholen immer dieselbe Bitte, die Bitte um „Gebrit“ und „Chubutz“ (Zündholz und Brot). „Was bedeutet dies?“ fragt man. „Hat man diesen Menschen hier wahnsinnig gemacht, oder wurde er wegen Irrsinns hierher gebracht?“ Und man wird belehrt, dass die Wahn- .sinnigen hierher gebracht werden, um mit Hilfe des „heiligen Georg“ zu genesen! Fesseln, Hunger und jegliche Vernachlässigung sind die Behandlung'! Man sagt, dass nach fünf Tagen die Tobsucht aufhöre. Hat ein auf solche Weise geschwächter Mensch überhaupt noch Kraft zu schreien und zu toben? Einige Stufen höher wird uns eine andere Zelle gezeigt, die einen anderen Besessenen in ganz der gleichen Verfassung enthält. Der sei nun schon ruhig geworden, sagt man uns. Ja, dieses Menschenkind hat ausgetobt, ein halbverhungertes Häufchen Unglück liegt es abgestumpft am Boden. Und ihn wie viele vor ihm hat der Aberglaube auf dem Gewissen. Einst soll nämlich St. Georg in Ketten geworfen worden sein, und die K et ten, die den Heiligen gefesselt, wurden später als kostbares Heiligtum bewahrt. Deshalb wollten sie einst russische Pilger mit sich in ihr Land entführen. Sie wurden in Jaffa auf ein Schliff geladen, aber so oft das Bot abfahren wollte, erhoben sich widrige. Winde, die verhinderten, dass man die Anker lichten konnte. Da glaubte man denn, eine höhere Macht wolle, dass die Ketten im heiligen Lande blieben und brachte sie zurück nach dem Chadr, wo man sie an der Südwestseite der Kirche befestigte. Bald schrieb man ihnen eine besondere Heilkraft für Geistesgestörte zu, und die armen, elenden Wesen, die man hierher brachte, wurden vor der Kirche mit den „heiligen Ketten“ gefesselt, um so von ihrer Besessenheit geheilt zu werden. Da man auf diese Weise aber immer nur einen Kranken kurieren konnte, schaffte man weitere Ketten an und weihte sie dem „heiligen Georg“. Meist werden nur die Männer unten an der Kirche angekettet, während die Frauen die oben beschriebenen Zellen bewohnen dürfen. Dies im 20. Jahrhundert! Allerdings hat kürzlich ein hiesiger Arzt, der sich die Sache zu Herzen genommen, in einem Artikel, den er einem hier erscheinenden arabischen Blatt schickte, diese Verhältnisse geeeisselt, aber der Redakteur jener Zeitung sandte den Bericht dem hiesigen griechischen Patriarchen zu, der den Arzt bitten Hess, noch einige Wochen mit der Veröffentlichung zu warten, während welcher Zeit er. der Patriarch, sich bemühen wollte, Abhilfe zu schaffen. Es bleibt nun abzuwarten. ob dem so geschieht. IVlit dieser Nummer stellt das Literaturblatt der Jüdischen Rundschau sein Erscheinen ein. Als man dem Unterzeichneten miitteilte, dass er aus der Redaktion der Jüdischen Rundschau entfernt würde, machte man ihm gleichzeitig die Zusage, dass er das Literaturblatt weiter redigieren dürfe. Er war hierzu unter der Bedingungen bereit, dass er dafür keimerlei Entschädigung bekäme. Auch der neue Redakteur der Jüdischen Rundschau sprach .ihm wiederholt seine volle Zufriedenheit und sein Einverständnis aus, dass er das Literaturblatt weiter herausgeben solle. Dagegen erfuhr er zufällig in der letzten gemeinsamen Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat, dass das Literaturblatt vom ersten Januar ab nicht mehr erscheinen solle. Dr. Heinrich L o e w e.

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