Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IV (1908)
- Issue
- 6 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- Seite 48 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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48 LITERATURBLATT No. 6 zu erhalten. So kommt es, dass auf dem schmalen Geviert eines Grabes oft mehrere Steine Platz finden mussten. Auf ähnliche Weise mussten sich die Lebenden im Ghetto zu heifei: suchen: sie durften, um Raum zu gewinnen, ihren Häusern ein Stockwerk mehr, als es sonst durch das frankfurter Baugesetz gestattet war, auf setzen. Durch die harten Stättigkeits-Gesetze, die der Rat der Stadt den Juden vorschrieb, war es nämlieh gekommen, dass eine ..einzige Hausfront stellenweise eine Gesamtbreite von nicht mehr als nur zweiiindeihhälb Metern, oft nicht mehr als etwa dreiundeinhalb Metern aufzuweisen hatte. Viel Mühsal und bitteres Schicksal deckt dieser Boden. Wenn die Judenverfolgungen tobten, dann waren die Gräber der Vorfahren die letzte Zufluchtsstätte der Ghietto-Bewohner, dann musste' dieser Friedhof Platz hergeben, um die Opfer barmherzig aufzunehmern Viele von denen, die hier schlummern, empfingen lieber den Todesstreichi, als sich durch feige Fahnenflucht die äussere Freiheit zu erkaufen. Jedoch nur sehr selten ist von solchem Märtyrertum auf den Grabsteinen zu lesen: es hätte ein solches Hervorheben im Widerspruch gestanden zu jener befreienden Auffassung, die auch in allem Leid ein Walten der Vorsehung erblickt, dessen demütige Hinnahme nicht als besonderes Verdienst erwähnt zu werden braucht. Im allgemeinen haben die Inschriften einen einfachen Wortlaut, der hauptsächlich die Abstammung der Toten genau verzeichnet. Fast immer aber wird von Werken der Nächstenliebe und vom Studium der Geisteslehre berichtet, den Lichtquellen, die Helle und Poesie in dem düsteren Ghetto verbreiteten, die alle Schrecken des äusseren, armseligen Lebens und des Todes vergessen Hessen und mit belebender Hoffnung auf eine freundlictere Zukunft erfüllten. Ein altes hebräisches Wort nennt den Friedhof ״Haus des Lebens“; so scheinen auch die Blütenpracht und die Morgensonne, welche die Inschriften der altersgrauen, unter Strauchwerk fast versteckten Grabsteine in die riehtige Beleuchtung versetzen, in der sie entziffert werden können, einheitlich die wahren Symbole dieser Stätte zu sein. Hinter der südlichen Grenzmauer des Friedhofes erheben sich, eng zusammenstehend, einige kleine mit Schiefer umkleidetet niedrige Häuschen, die •ehemaligen Spitalhäuser der Juden. Sie entbehren jeder architektonischen Runstform, und dennoch bieten sie zusammen mit den an dieser Stelle besonders dicht gewachsenen Hollunderbüschen, mit der altertümlichen Mauer und den eiingesunkenen Grabsteinen einen Anblick vor! so hohem malerischem Reiz, wie er nur selten, nicht nur in! Frankfurt, sondern auch anderwärts, angetroffen werden dürfte. Spital und Friedhof lagen nahe beisammen; dort leisteten die Judenärzte den Kranken Hilfe, und hier waltete der grösste Arzt, der alle Leiden heilt. Noch bis zum heutigen Tage sind diese sauber gehaltenen Häuschen im Besitze der jüdischen Krankenkassen, natürlich dienen sie längst nicht mehr .als Krankemhaus. Glücklicherweise sin sie von Umbauten verschont gqJilieben; auch ist volle Gewähr vorhanden, dass die jetzigen Besitzer sie pietätvoll erhalten und kommenden Zeiten überliefern werden. Sie stimmen in ihrer Einfachheit vortrefflich zu ddm schlichten Friedhof; von diesem aus gesehen, ist an jener Stelle ein um:- verfälschtes Bild vergangener Zeiten lebendig geblieben.“ Ein Israels in New York. Josef Israels hat Verhältnismässig wenig Bilder aus dem jüdisehen Leben geschaffen. Eines dieser Bilder kam1 vor kurzem in der New Yorker Kunstgalerie in der Fifth Avenue zur Ausstellung. Es stellt einen alten, bärtigen Juden -dar, der sinnend über einen Folianten gebeugt sitzt und den Titel: ״Ein Rabbiner lesend“ führt. Das Meisterstück wurde stark begehrt und schliesslich erstand es der Senator Clark um den Preis von 1000 Dollar. Der ״Rabbiner“ gehört zu den jüngsten Schöpfungen des Meisters, der es sich u. A. nicht hat nehmen lassen, den Ver- Handlungen des Haager Zionistenkongresses beizuwohnen.