Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- IV (1908)
- Issue
- 4 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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26 LITERATURBLATT No. 4 Staat zu erfüllen habe, von den Zielen, denen er zustreben müsse, und von den Wegen, die zu diesen Zielpunkten zu führen geeignet seien. Aus den Kreuzungen, die sich ergeben, wenn man hier, wie es vielfach geschehen list, von demselben Standpunkt ausgeht, um dann zu ganz divergierenden Folgerungen zu gelangen, sind bisweilen tiefergehende Differenzen entstanden, als aus a priori verschiedenen Auffassungen, die sich nicht selten in ihren Schlüssen einander näherten. So haben wir heute eine gewisse politische Gemeinschaft zwischen Liberalismus und Sozialismus, obwohl es nicht gut extremere Gegensätze geben kann, als sie in der Staatsauffassung eines C o b d e n oder Prince-Smdth und andererseits eines Marx oder gar eines L a s s a 11 e zum Ausdruck kommen. Dort der Staat, der nichts zu tun hat, als für die Fernhaltung von Mord, Raub und Betrug zu sorgen, dessen letztes Ziel aber die Selbstaufhebung ist, der „Nachtwächterstaat“ — hier jene, die nach einer grimmen Antwort auf dieses Spottwort „die Nachtwächter zum Staat machen wollen“, die alles der im Staate organisierten Gesellschaft übertragen, also doch in praxi eine Art Omnipotenz des Staates schaffen wollen. Und zwischen ihnen und einer grundsätzlich nahe verwandten Gruppe, der es ebenfalls auf die Stärkung der Macht und Autorität des Staates ankommt, klafft ein nicht zu kittender Riss. Weil es zwei verschiedene soziale Klassen sind, deren jede ihren Staatsbegriff mit einem andern Inhalt füllt. So wesentlich ist hier scharfes Erkennen der Begriffe, klares Folgern der Schlüsse und mutiges Bekennen der Ergebnisse durchdachter Forschung. Wie schwer das ist, zeigt am besten die winzige. Zahl derer, die den Versuch gewagt haben. Die meisten benützten' die alten Bausteine weiter. Andere gruben — gewiss verdienstlich genug — nach neuem Material. Das aber scheint nun hinreichend vorhanden, und es ist Zeit, dass die Deduktion wieder einmal in ihre Rechte trete. „Wir sind es müde, bloss Stoffe zu sammeln, wir wollen geistig des Materiales Herr werden“, wie Diels einmal ausrief. Das ist wohl auf keinem Gebiete-nötiger, als auf dem der Staats- Wissenschaften. Und Oppenheimer hat das nun in seiner wirklich Grund legenden Schrift getan, für eines der wichtigsten Gebiete, die Theorie des Staates, die bis heute fast ausschliesslich noch unter dem Banne rein spekulativer Theoreme lag. Diese interessanten Gedankenbauten, die in der Geschichte menschlichen Denkens stets einen ersten Platz behalten werden, die uns aber heute selbst eben nur noch als Objekte der Forschung fesseln — sie lässt Oppenheimer ganz bei Seite und beginnt selbständig mit dem Ausbau seiner neuen sozialpolitischen Staatstheorie. Oppenheimers prinzipielle Scheidung der Mittel, „mit denen der überall durch den gleichen Trieb der Lebensfürsorge in Bewegung gesetzte Mensch die nötigen Befriedigungsmittel1 erlangen kann“, in