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Jüdische Rundschau · 1908-03-27 · 2 (27.3.1908) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
IV (1908)
Issue
2 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Literaturblatt der Jüdischen Rundschau Beilage zu C „Jüdische Rundschau“ Jahrg. XIII. No. 13 Herausgegeben von Dr. Heinrich £oewe Q Redaktion: BERLIN N. W. 52, Melanchthonstrasse 4. No. 2. Berlin, 2 ». Adar H 5668 — 27. März 1908 Jahrg. IV. Sozialpolitik der Juden in der Gegenwart von.Dr. H. L. Ei s e n s t a d t.*) Mit dem Thema „Sozialpolitik der Juden in der Gegenwart“ begeben wir uns auf ein bisher noch wenig bebautes Gebiet. Die herrschende landläufige Vorstellung geht dahin: Philanthropie und-Sozialpolitik sind wesensgleiche Dinge. Das ist aber ein Irrtum. So unerreicht die deutschen Juden in der Philanthropie, im Dienste der Wohltätigkeit dastehen, so wenig interessieren sie sich für eigene Sozialpolitik. Ist das notwendig? Brauchen wir eine Veränderung unserer sozialen Verhältnisse? Lebt doch jeder einzelne von uns in Deutschland seit Jahrzehnten unter dem Schutze der Gleichberechtigung. Seit dem Zeitpunkte der bürgerlichen Emanzipation hat sich die wirtschaftliche Lage der Juden in Deutschland wesentlich gehoben, und das Massenelend;, das Proletariat ist hier bedeutend herabgesetzt. Mit diesem Erfolge könnten wir zufrieden sein, wenn nicht ganz auffallende physische Veränderungen der Juden zur Kenntnis der Aeirzte und allmählich in weitere Kreise gelangten. Erst in einzelnen Beobachtungen, dann in grösseren Statistiken klingt es durch, dass die Juden einen auffallend hohen Beitrag zu Geistes-, Nerven-, Stoffwechsel- und Augenkrankheiten stellen. Um die Häufung dieser Affektionen gegenüber der Erkrankungsfrequenz der christlichen Bevölkerung zu erklären, hat man sich bisher auf die Annahme einer Rassenentartung gestützt und, wie das zu gehen pflegt, gilt diese Rassentheorie in Laienkreisen schon als unumstössliche Wahrheit, ehe noch die erforderlichen wissenschaftlichen Stützen beigebracht sind. Es fällt nicht schwer, die Unhaltbarkeit dieser Theorie zu beweisen, welcher sich besonders Herr Dr. Singer in seiner Broschüre „Allgemeine und spezielle Krankheitslehre der Juden“ angenommen hat. Singer selbst sagt, es könne sich nur um einen Versuch handeln, die Häufung der genannten Krankheiten vom rassenpathologischen Standpunkte zu erklären. Was zunächst die Geisteskrankheiten betrifft, so führt er das häufige Vorkommen der Idiotie auf eine fehlerhafte Rassemischung zurück und zwar stützt er sich auf die Untersuchung von Brandes, der im *) Nach einem in der Montefiore-Loge am 24. 3. 08 gehaltenen Vortrag des Verfassers.

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