Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 12 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 12 LtTERATURBLATT _ Das Buch der Jüdischen Witze Von allen Bestrebungen zur Erhaltung und Neubclebung der jüdischen Kultur hat, wie vorauszusehen war, das literarische Interesse für den jüdischen Witz die breitesten Kreise gezogen. Die dem ״Jüdischen Witz und Humor“ gewidmeten Vortragsabende des ״Vereins zur Förderung jüdischer Kunst“ mög£n dazu beigetragen haben, jüdische Anekdoten, die man früher als Monopol des Herrenfeldtheaters betrachtete, salonfähig zu machen: Kurzum, wir stehen heute vor einer ganzen jüdischen Witzliteratur, die mit einem Schlage aus dem .Boden hervorgesprossen ist. Zu den letzten Publikationen dieser Art gehört, neben dem Büchlein Alexander Moschkowskis und den gereimten Ungereimtheiten des bekannten Komikers Richard Grossmann das ״Buch der jüdischen Witze,“ von M. Nuel (Berlin, Gustav Rieckes Buchhandlung Nachfolger. Unter dem Pseudonym Nuel verbirgt sich ein beliebter Berliner Schriftsteller, djer in vollem Masse, die Qualifikation besitzt, das einschlägige Material zu sichten und von einem höheren Gesichtspunkte aus zu bearbeiten. Was ihm als echter jüdischer Witz gilt, das hat — wie er in der Vorrede hervorhebt — seine Quelle nicht in den Zufälligkeiten der Sprache, in doppeldeutigen Worten und Redensarten — es quillt vielmehr aus dem jüdischen Denken und Empfinden heraus; und es ist eigentlich nicht so sehr das Witzwort, das uns überrascht und belustigt, als die jähe und drollige Enthüllung einer Menschenseelc. *Der jüdische Witz offenbart den jüdischen Charakter, dessen Schwachen er zum Gegenstände seines Spottes macht. Es war dem Verfasser nicht darum zu tun, die allerneuesten, noch wenig bekannten jüdischen Witze zu sammeln. Wenn es auch an solchen nicht fehlt, so ging doch sein Bestreben hauptsächlich dahin, gerade jene uralten Worte festzuhalten, die vor vielen Jahrhunderten in den engen Judengassen deutschen, polnischen, böhmischen oder ungarischen Städten entstanden, mit den Wanderern in die Welt zogen und heute noch hüben und drüben, an der Weichsel wie am Rhein, an der Spree wie an de1־ Donau, an der Moldau wie an der Themse gern vorgetragen und gern gehört werden. Die meisten dieser Anekdoten hörte der Verfasser an winterlichen Sabbat-Nachmittagen von alten jüdischen Leuten, die dabei sagten: ״Diese Geschichte hat gepflegt zu erzählen mein gottseliger Grossvater, wenn die Rede ist gekommen auf dies und das oder auf den und jenen . . Das ״Buch der jüdischen Witze“ bietet das Material in einer Reihe von systematischen Gruppen. Ein Kapitel' ist den Rabbinern, ein zweites den Lehrern, ein drittes den Getauften, andere den Handelsleuten, dem Schadchen, den Närrischen und den Schnorrern gewidmet.