Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 12 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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98 LITERATURBLATT No 12 Morris Rosenfeld Der Dichter des jüdischen Proletariats ist gestorben. bin müder Arbeiter hat, zermürbt vom!.eben, die Augen zum letzten Schlaf geschlossen, die Augen, die die Welt nur mehr durch einen Schleier sahen. In der kümmerlichen Mansarde einer New-Yorker Zinskaserne ist Morris Rosenfeld verschieden. Er war 1862 in Littauen geboren, in dem düsteren, grauen, nebligen Landstrich Russlands, der durchzogen, . ist. vqii tiefen Ernstem, die sich in schwarzen Bächen spiegeln. Der Lebenslauf Rosenfelds war der gleiche wie so vieler jüdischer Russen vor ihm. wie so vieler nach ihm. Er wanderte aus, nachdem er. 18 Jahre alt. geheiratet hatte und ward in. Amerika Schneider, sass in der .,Schwitzhölle“. wie der grausame Scherz dieser jüdischen Kinder des Elends die Schneiderstuben nennt, und nähte. Dann kam er, wenn in den Strassen die Lichter aufflammten, nach Hause und fand die Kinder schlafend. Hörte der Mutter zu. die ihm vorn! Jag erzählte und mit leisem Lächeln die Kinder rühmte, um die Halten auf der Stirn des Mannes zu bannen. Der trug den Keim des Todes in sich, die Schwindsucht. Und kämpfte müde und resigniert den aussichtslosen Kampf mit dem Leben. Aus dem Schneider ward ein Journalist, der um karges Geld Zeile um Zeile schrieb für Jargonzeitungen, Aber daheim stand er wohl oft am Bett des Kindes und sah auf das ahnungslos , schlafende hernieder. Und wenns im Traum: lächelte, dann stiegs dem Lauscher heiss im Herzen auf. Und dann nahm! er wohl die Feder und formte, was er fühlte, in Vers und -Reim. Schrieb, was sein Herz, bewegte, blühend und fo׳rmenschön, in funkelnder Pracht, die die barbarischen Laute des litauischer! Jargons adelte. Die ״Lieder des Ghetto“: Was im Ghettojuden lebt und zittert, was die Seele des Juden bewegt, die aus tausend: Wunden blutet, was das Leben des wurzellosen jüdischen Lohnsklaven ausmacht, das hat Morris Rosenfeld in so vielen Nächten, in schweigenden Stunden auf weisse Blätter gebannt. Und wenn er mit zuckenden Nerven, mit fiebernden Fingern, mit jagenden Pulsen, mit entzündeten Augen und schmerzender!Brust zu Ende geschrieben hatte, dann sah. er wohl wieder nach seinen Kindern. Und wenn er vom Schmerz seines Volkes, des zu Boden getretenen, geschändeten, heimatlosen Judenstammes gesungen hatte, von den resignierten Rückwanderern, die ״Amerika nach Russland zurücktreibt“, die nichts mehr zu hoffen haben und nichts zu fürchten, dann gab ihm der Gedanke an seine sorglosen Kinder wieder das Vertrauen in die Zukunft seines Volkes, das sich eine neue , glückliche Heimat schaffen werde. Rosenfeld veröffentlichte anfänglich seine Lieder auf eigene Kosten in Bändchen mit dem Titel ״Die Blumenkette“, ״Das Liederbuch“, ״Die Glocke“. Im Jahre 1898 erschienen die ״Songs from the Ghetto׳“, herausgegeben von dem Professor an der Universität zu Cambridge, Leo Winter. 45 Jahre ist Morris Rosenfeld alt geworden. Hat gehungert und gedarbt und gesungen und gedichtet. Ist berühmt geworden, seine Lieder wurden in alle Sprachen übersetzt und drangen ins Volk. Liliens Meisterhand zeichnete seltsame Rahmen zu den seltsamen Reimen, Zeitungen schrieben von dem merkwürdigen Poeten. Der darbte aber weiter und als er vernahm, dass man in der ganzen Welt seinen Namen ehrend nenne, zog er sich scheu zurück. Nun ist er halb erblindet, in Armut und Elend gestorben. Einer aus der giossen Schai dei er, die an! Wege fallen, Julius L ö w v.