Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 11 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- Seite 96 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/8295971-9046061-8238386--550-8190173- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
96_ _LITE RATURBLATT No. 11 Sammlung ״Spate babylonische Briefe“, die von IR. Campbell Thompson herausgegeben und übersetzt sind. Während in dem alten Ägypten das überlieferte Schrifttum vorwiegend offiziellen oder priesterlichen Ursprungs war, erkennt man aus den überlieferten Dokumenten aus Assyrien und Babylonien, dass bei diesen Völkern die Kunst des Lesens und Schieibens ganz allgemein geübt wurde. Aus der umfassenden Sammlung sei hier ein Privatbrief in deutscher Übersetzung abgedruckt. Ein Babylonier schreibt an seeine Gattin von der!Reise: ״Siehe ich sende einen Brief an Iddina Marduk, damit er dir zehn Gur Weizen geben möge: sei nicht nachlässig in deiner Hausarbeit. Sei ehrerbietig, bete für mich zu den Göttern und lass mich schleunigst Nachrichten von dir durch einen. Reisenden haben.“ In einem anderen Briefe schreibt seine Frau: ״Bitte, warum müssen meine Töchter und ich die Zeit verbringen nach einen; Briefe von dir dürstend? .letzt nimm deinen Verstand zusammen, und dann bei Samas (dem Sonnengott) hab acht.“ Und schliesslich g(bt einer dieser Privafbriefc ein Momentbild, das eine der kleinen Unannehmlichkeiten des Lebens enthüllt: ״Das Haus ist voll Wasser — nimm es heraus, und sei gar nicht nachlässig bei der Geschichte; denn alle Jackets der Damen Karanaki und Ina-asar-isi sind schon verdorben.“ Das ganze Leben des Alltags, die Arbeit in Feld und Garten, das Treiben auf dem Markt und in den Läden und die friedliche Ruhe des Hauses werden in diesen schlichten Zeugen einer graauen Vergangenheit vor uns lebendig. Das alte Jericho aufzufinden, hat sich der Professor für biblische Archäologie an der evangelisch-theologischen Fakultät zu Wien Dr. E. Sellin bekanntlich zur Aufgabe gemacht. Über das Ergebnis seiner ersten Ausgrabungen hat er soeben der Wiener Akademie der Wissenschaften einen vorläufigen Bericht erstattet. Die Grabungen wurden von etwa hundert Arbeitern bei der Elisaquelle an fünf verschiedenen Stellen vorgenommen. An der nördlichen Stelle kam sogleich die Ruine einer Burg zum Vorschein, die aus einem 6 m hohen Turrne und vier durch eine steinerne Treppe verbundenen Stockwerken besteht. In drei Zimmern standen noch die Backöfen. Die Seitenwände der Burg und der Zimmer waren rauchgeschwärzt; Schwefelstücke liessen auf ׳ Brandlegung schliessen. Gefunden wurden u. a. Gerätstücke mit feinen Reliefdar- Stellungen von flüchtigen Gazellen und verfolgenden Löwen. Das Mauer• werk gewährt Einblick in die bisher unbekannte altkanaanitische Bauweise. An der zweiten Grabungsstelle enthüllte man ein zum Schutze der Stadtmauer errichtetes Vorwerk. Auch hier machte man viele Gerätefunde. An einer andern Stelle deckte man die Stadtmauer von Jerichow selbst auf: eine 3 m, an der Westseite der Stadt sogar 12 m dicke Backsteinmauer auf einem 60 cm hohen Hausteinfundament, die in eine aus Felsstücken aufgeführte Burg mündet. An einer weiteren Grabungsstel.le stiess man auf schichtweise nach- und übereinander errichtete Privathäuser, deren jedes also einer andern Zeit angehört. Die völlige Durchgrabung müsste demnach aus den Funden der einzelnen Schichten ein genaues Bild der Entwicklung dieser präisraelitischen Kultur liefern. Zahlreiche Funde, die primitive wie künstlerisch hochstehende Lampen, Teller, Schalen, Nadeln. Gewichte. Alörser und Mühhlen. teils aus Ton. teils aus Bronze, ans Licht brachten, gaben bereits eine Probe davon. Im Innern der Stadtanlage deckte man durch Probegrabungen aneinanderstossende Häuserreihen auf. Man konnte feststellen, dass die althebräischen Schrift- Zeichen in dieser Stadt bereits im Gebrauch waren. Professor Sellin wird im nächsten Winter diese ertragreichen Arbeiten fortsetzen.