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Jüdische Rundschau · 1907-05-31 · 10 (31.5.1907) · p. Seite 82

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
III (1907)
Issue
10 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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82 No. 10 LITERATURBLATT Juden des Ostens und die Ost juden des Westens eingepfercht sind. Es ist das Ghetto der Treuen, die am Judentume hängen und sich nicht von ihm abdrängen lassen durch die liberalen Angleichungsbestrebungen noch verjagen lassen durch die gleichwertigen antisemitischen Angriffe oder durch die Sirenenklänge der amerikanischen und russischen Przygodes sich weglocken lassen. In ihnen lebt noch eine jüdische Seele, die das Ghetto nicht bloss als schwere Last auf dem Rücken fühlt sondern in diesem Ghetto, das nichts anderes ist als das Judentum des גלות , sondern in diesem Golusjudentum zugleich die Kraft fühlt, die ihm innewomit und die Schönheit, die ein wehmütiger Nachklang jener, hoheitsvollen lapidaren Herrlichkeit ist, die einst dm eigenen Lande das Wesen der nationalen Eigenart war. Das Judendeutsch, das im Norden und Westen, das Judenspanisch, das im Süden und die verschiedenen Arten Judenpersisch, die in Asien anstelle der nationalen Sprache gesprochen werden und dem Hebräischen gegenüber genau dasselbe sind, was das Ghettojudentum im Vergleich mit dem Hebräertum der Bibel ist, sind die hauptsächlichsten Sprachen, in denen das Judenvolk der Verfolgungen spricht und denkt und in denen es vor allem seine Schmerzen und Leiden in tiefergreifenden Worten zum poetischen Ausdruck bringt. Das jüdische Volkslied, das immer in diesen Sprachen erklungen ist, hat im Norden der jüdischdeutschen Kunstpoesie den Platz räumen müssen. Aber für diese Kunstdichtung ist es besonders bezeichnend, dass sie sich nur wenig vom Volksliede entfernt und dass sie der Volkssele ebenbürtiger und konformer Ausdruck ist. Damit ist aber bereits ausgesprochen, dass sie den höchsten poetischen Erfordernissen gerecht wird. Denn je nationaler — National sein heisst nicht etwa Hurrah rufen — eine Poesie ist, je mehr sie der innige Ausdruck wahrer Volkstümlichkeit ist, um so wertvoller ist ihr Gehalt, umsomehr ist sie Poesie. Das trifft m hohem ja höchstem Masse auf die Lieder des Ghettodichters Morris Rosenfeld zu, der deshalb so weite Kreise seines Volkes zu erobern vermochte, weil er aus ihrer Seele heraus sang. Die Leiden, die der erblindete Sänger besingt, sind die Leiden der vielen Millionen, die von sichtbaren oder unsichtbaren Ghettomauern umschlossen wierden. Die Lieder der Arbeit, die uns Rosenfeld gedichtet hat, sind Lieder von arbeitenden Juden, und sie haben den ganz besonderen Charakter jüdischer Lieder und jüdischer Leiden, auch wo kein Wort von Juden und Judentum gesagt ist. Diese Arbeiterlieder sind nicht minder spezifisch jüdisch als die nationalen Lieder des Volkes, aus denen neben dem tiefen, unendlich tiefen *Weh und bittern Leiden, neben der kalten und dumpfen Verzweif- Iung des vertriebenen Volkes doch die mehrtausendjährige Hoffr!ung hindurchklingt, dass dereinst eine Zeit kommen möge und \ \

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