Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1907-05-10 · 9 (10.5.1907) · p. Seite 79

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
III (1907)
Issue
9 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/8295971-9046061-8238384--531-8190156
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

79 No 9 LITERATU RBL ATT tiefe dunkle Grotten geben der Phantasie lebhafte Anregungen, das geheimnisvolle Walten der Naturkräfte zu deuten, alte Grabmäler erregen den Forschungstrieb des! Historikers und, auch die Höhlenkunde steht hier vor Phänomenen, die in ihrer Seltsamkeit und Eigenart fesseln. P, Sallior widmet in der Nature diesen Erscheinungen eine sehr interessante Studie. Der kalkige Boden um Jerusalem, insbesondere die Abhänge des Ölberges, die hinuntergleiten zum Tal Josaphat, das Tal selbst, ist von zahlreichen tiefen Grotten, Höhlen und Erdei,nsch,mitten durchbrochen; teils hat die Natur sie selbsttätig erstehen lassen, teils hat der Mensch mit Hammer und Meissei ,s;ie geschaffen und erweitert. Steinbrüche mögen, hier einst bearbeitet worden sein oder dunkle Grabstätten wurden ausgehöhit. Die alten Grabgrotten des Ölberges, die tief ins Erdreich greifen, die Toten- Stätten des Tales Kidron oder Josaphat, die Höhlen,Wohnungen von Silaa, die natürlichen Gewölbe des Hinnomtales und weiter im Norden die als Jeremiasgrab bekannten Grotten bedeuten eine. Reihe bemerkenswerter Sehenswürdigkeiten. Unter dem Tage Josaphat aber, dessen Öde, Unfruchtbarkeit und trostlose Leere sprichwörtlich geworden sind, rauschen die unterirdischen Gewässer. Die systematische Erforschung all dieser seltsamen Stätten stösst auf grosse Schwierigkeiten; Generationen auf Generationen haben hier gelebt und gearbeitet, die Spuren ihrer Vorfahren verwischend, verändernd oder ׳erweiternd1, drei Religionen stiessen■ hier aneinander, neben den Bestattungstätten der alten Hebräer erstanden die Grabmäler der Christen; die Totenstätten der Anhänger des Islam kamen hinzu, und diese Häufung von einander widersprechendem Material diente nicht dazu, di'd Erörterung der Fragen zu!vereinfachen. Die meisten Grotten scheinen ja durch menschliche Arbeit entstanden zu seein; die natürlichen repräsentieren eine verhältnismässig verschwindende Anzahl. Die Grotte des Joseph von Arimiathia. die kleine Aushöhlung, die als die Grotte des Leichnams Jesu genannt wird, zählt zu den natürlichen; die meisten anderen aber sind anscheinend künstlich ausgehöhlt worden und1 dienten Bestattungszwecken. Die Hebräer bedienten sich vornehmlich, solcher in ׳das kalkige Gestein eingehauenen Höhlen als Grabstätten; die Totenverbrennung galt ihnen als ein religiöses Verbrechen,, sie sahen in der künstlichen! Zerstörung menschlicher Ueberreste ein Verbrechen. Das, Einzelgrab dagegen scheintbei ihnen erst verhältnismässig spät in Aufnahme gekommen zu sein; in der alten Zeit waren die traditionellen Massengräber die Regel, und es scheint,, dass die Mehrzahl der Grotten zu diesen! Zwecke ausgehauen wurden. Wenigstens hat die, Untersuchung der architektonischen Anlage dieser Höhlungen dafür eine überzeugende Übereinstimmung der Konstruktionsprinzipien ergeben. Dagegen taucht neuerdings eine Annahme auf, deren Untersuchung wohl neue interessante Aufschlüsse bringen wird: man vermutet, dass bei vielen jener Felsbohrungen das Suchen nach unterirdischen Wasserquellen der treibende Gedanke gewesen ist. In einer Stadt, die in kahler, wenig fruchtbarer Gegend, ja man kann fast sagen in einer Wüste angelegt war, musste die Frage der Wasserversorgung für die Bewohner eine Frage von grösster Tragweite, eine Lebensfrage sein, und in der kriegerischen Zeitt wird: besonders de r Gedanke an eine! Belagerung gebieterisch darauf hinge wiesen haben,, die Wasserversorgung zu regeln. Schon früh wurden daher mächtige Zisternen angelegt, die mit denen von Karthago und Byzanz manche Ähnlichkeit zeigen. Zugleich aber wird man auch darauf aufmerksam geworden sein,dass da, wo das Wasser von der Erdoberfläche gewichen ist, es unter den ausgetrockneten Flussläufen, in unterirdischen Schluchten sich einen neuen Weg geschaffen haben musste; der berühmteste dieser unterirdischen Ströme ist jener des Josaphattales. Schon zu Christi Lebzeiten muss das Tal so tocken gewesen sein, wie heute — man nannte es damals den .,Winterbach“ — aber vordem hatte es offenbar ein Flussbett gebildet, das allmählich austrocknete; bei Kalkboden ist das ja keine un-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.