Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 9 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/8295971-9046061-8238384--526-8190151- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
74 LITERATURBLATT No 9 geistige Arbeiter empfindet, wozu dann noch der Reiz des Neuen und des!| Gegensatzes gegen herrschende, für überwunden gehaltene religiöse An-!! schauungen hinzukam. Schon seine Anhänger werden in dem gleichen Grade, in welchem diese psychologischen Bedingungen fehlten, eine ent-!. | sprechend verringerte Befriedigung aus seiner Philosophie genommen ו : haben. Und nun gar die überwältigend grosse Menge der Menschen, auch;i hervorragender und guter Menschen, die zu seiner rein theoretischen!1 Gotteserkenntnis keine Neigung in sich verspüren und also auch keine Be- | friedigung aus ihr schöpfen können, müssen mit ihrem religiösen Bedürfnis völlig leer ausgehen. Nicht anders oder noch viel schlimmer steht es mit dem ethischen Be- 1 wusstsein des Menschen, das Spinoza eigentlich gänzlich eliminiert. Ein Sollen gibt es für ihn überhaupt nicht. Alles menschliche Tun baut sich auf dem Selbsterhaltungstriebe auf; in ihm ist die alleinige Richtschnur li J für das Handeln gegeben. Sein Rationalismus ermöglicht es ihim freilich, | das Wesen des Menschen in die Vernunft und somit die Selbsterhaltung des Menschen in seine theoretische Vervollkommnung, in sein Streben nach wahrer Gotteserkenntnis zu setzen. Aber ein Soli gibt es hier nicht, ן kann es auch nicht geben, da die Macht hierzu nicht gegeben ist. Nicht ■ M nur, dass das menschliche Wollen gebunden ist: der Selbsterhaltungstrieb ,ץ! : ist in Wirklichkeit garnicht auf Erkenntnis gerichtet, die Konsequenzen,;■ die sich aus ihm als ethischem Prinzip ergeben, sind ganz andere, als Spij| noza sie, seiner individuellen Natur und seinem Rationalismus folgend, I1.: gezogen hat. Der psychologische Rationalismus Spinozas ist falsch: das Wesen des Menschen liegt im Willen, und nicht im Intellekt. Die Ethik : hat es demnach mit dem Willen und seiner Vervollkommnung zu tun. Der! Wille aber ist nicht blos Selbsterhaltungstrieb, er besteht vielmehr aus ׳' einem System von Trieben, die in das rechte Verhältnis zueinander gei bracht und trotz ihres verschiedenen Ursprungs auf das gleiche einheitliehe Ziel gerichtet werden können und sollen. Dieses Ziel mit Rücksicht auf die Natur des Menschen oder die in ihm angelegten Willenstendenzen einerseits und die rechte Weltanschauung andrerseits zu bestimmen, ist die Sache des Intellekts, der sich hier lediglich als das freilich notwendige Werkzeug des sittlichen Willens bekundet. Spinozas Religionsphilosophie und Ethik haben also für uns nur noch historischen Wert, soweit es sich hier um positive Aufstellungen und Lehren handelt, die unmittelbar das religiöse und das ethische Bedürfnis betreffen. Auf das aber, was Spinoza an Brauchbarem und Gutem zur Kritik der positiven Religionen und insbesondere der Bibelkritik, vorgebracht hat, hier näher einzugehen, haben wir keinen Grund, da der Verfasser von diesen Dingen in seiner Schrift nicht redet. D". Max Joseph.