Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 7 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- Seite 64 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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gibt nichts Interessanteres, als sie vorn׳ Tai aus zu betrachten, yon wo sie ganz den Kindruck von Festungswerken machen. Im. Jahre 1800 gab es in I schufut-Kule 227 bewohnte Häuser, die in asiatischem Geschmack aus wejssem, unbehauenen Stein mit Ziegeln gedeckt und meistens zweistückig waren. Heute führt der Weg auf schmalen, in den Felsen gehauenen Pfaden im Zickzack ziemlich steil aufwärts. Bisweilen passiert man geräumige sorgfältig ausgehauene Höhlen, die einst als menschliche Wohnstätten dienten. Endlich steht man vor einem massiven, aus grossen Quadern zusammenget’iigte.n Tor ״mit schwerer eisenbeschlagener Tür. Ueber diesem Tor hat sich einst der östliche Turm der Festungswerke erhoben. An der Aussenseite sieht man jetzt noch ein viereckiges, in Stein gehauenes Wappen, bestehend aus einem Steigbügel, einer grossen Gabel und einem Herzen. Der Steigbügel im Wappen deutet auf die türkische oder tatarische Zeit hin; aber wer will den weiteren Sinn des Wappen ״deuten? Der Zeitpunkt der Gründung Tschufut-Kales ist unbekannt — Ausgrabungen sind in dieser Gegend noch nicht unternommen. Nach indisch-karäischen Handschriften wäre die Felsenstadt bereits 500 Jahre vor Beginn der heutigen Zeitrechnung von Juden besiedelt und Sela Jehudim genannt. Grabsteine, die dort gesammelt sind, bestehen aus Marmorplatten oder einfach behauenen Steinen. Da finden sich flache, säulenförmige und runde. Die vorherrschende Form der Grabsteine sind längliche Fünfecke mit einer oder zwei Erhöhungen au der Spitze. Tatarische Grabsteine gibt es hier nicht. Die Abdrücke von 300 Grabsteinen werden in der kaiserlichen Hibliothek in Petersburg aufbewahrt. Die mündiche Überlieferung und mehrere Schriftsteller bezeichnen als Gründer Tschufut-Kales 40 Karäerfamifien, die hier eingewandert sein sollen. Wahrscheinlich haben sich die Juden dereinst vor Verfolgungen ihrer Feinde auf den Berggipfel zurückgezogen und eine Festung angelegt oder aber bereits vorhandene Befestigunger; übernommen. Später wird1 Tschufut-Kale im ersten Viertel des vierzehnten Jahrhunderts erwähnt. Die Stadt hiess damals Kyrk-or. vielleicht vom tatarischen Kyrk — 40. Der arabische Schriftsteller Abulfida erwähnt Tschufut-Kale in seiner Erdbeschreibung aus dem Jahre 1321 und gedenkt dabei auch der Überlieferung von den ersten 40 Ansiedlern. Es gibt übrigens noch eine ganze Reihe anderer Erklärungen, die das Wort Kyrk-or oder Kyrkar zum Beispiel vom armenischen Kir Kalk und Kar — Stein ableiten. Türkisch heisst Kvrk 40 und Er Mann. Die alten Karäer. •.nannten ihre Glaubensgenossen in Bachtschissarai ..Bürger von Kyrkor.“ Als Korkerai, Kirkiel wird der Ort mehrfach von polnischen Schriftsiellern des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts erwähnt, und die Herrscher über die Krim werden von ihnen einfach als ״Chane von Kirkiel“ bezeichnet. Noch in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts war Tschufut-Kale bewohnt; dann verzogen die Bewohner allmählich ל in andere Städte der Krim, nach''Sewastopol. Bachtschissarai, Eupatoria, Kertsch und gegenwärtig zählt Tschufut-Kale einen einzigen Bewohner. Im Jahre 1895, gelegentlich des hundertjähriges Gedenktages der Karäer durch die Kaiserin Katharina II., wurde von Karäern ein gefälliges Unterkunftshaus im orientalischen Stil für Ehrengäste auf dem Berggipfel errichtet. Die Rückwand dieses Hauses grenzt an das Josaphattal, mit dem Karäer-Friedhofe. Von der breiten Terrasse geniesst man, wie ein neuzeitiger Reisender berichtet, eine herrliche Fernsicht.