Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 4 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- Seite 40 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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40 LITERATURBLAT1 No. 4 Lirteil nicht unbefangen, weil diese Forschung wesentlich vom Standpunkte und int Lichte des Christentums behandelt werde. Die positive Richtung, die dies offen ausspreche, u!nd die kritische begegnen sich darin dass sie die jüdische Religion nur als eine Vorstufe der christlichen bezeichnen, von der •sie überwunden sei. Tatsächlich ruhe die christliche Theologie in ihrer Lehre von Gott im Wesentlichen auf dem Alten Testament, sei der Dekalog der Kern auch ihres Sittengesetzes, bilden die Psalmen das Gebet- und Gesangbuch der Kirche, wie der Synagoge — alles Beweise, dass, das Judentum nicht dtie Vorstufe, sondern die Grundlage und unerlässliche Voraus- Setzung der christlichen Lehre ist. Die Fruchtlosigkeit dejr Versuche, unserer Bibel diese Stellung innerhalb des Christentums zu nehmen, sprechen umso beredter für ihren Wert. Die Angriffe der Deisten und Rationalisten des 17. und 18. Jahrhunderts Hegels Schieiermachers, Reimanrus’ usw.. welche von dem Alten Testament weit abrücken zu müssen glaubten, haben demselben nichts anzuhaben vermocht. Mit Herder, Ewald u, a.. welche vorwiegend den sittlichen Gehalt und die ästhetische Schönheit der Bibel hervorhoiben, setzte eine gerechtere Würdigung ein. Auch die grundstürzenden kritischen Arbeiten der jüngsten Zeit hätten nur das eine Ergebnis gehabt, dass sie das Urteil Kl o st e r m a n n’s bestätigten: ״Die Bibel bleibt; die wissenschaftlichen Versuche, die biblische Geschichte darzustellen, kommen und gehen,“ In ganz hervorragendem Masse habe sich dies auch gelegentlich des ״Babel-Bibel-Streites“ bewahrheitet, indem die Vertreter der protestantischen Theologie und Exegese fast einmütig gegen Friedrich Delitzsch und für das Alte Testament sich erhoben. Anders gestaltet sich das Urteil ״unter dem Schatten des Kreuzes“ über dlie nachbiblische Epoche, insbesondere über die Zeit, da das Christentum entstand. Mangelnde Kenntnis der späteren jüdischen Urkünden, und die Voreingenommenheit für die eigene Religion bewirken, dass das Judentum in djan dunkelsten Farben geschildert wurde. ״Nacht muss es sein; wenn der Stern von Nazareth auf gehen soll.“ Die Unhaltbarkeit und Ungerechtigkeit dieser Beurteilung unserer Glaubensgemeinschaft beleuchtete Redner an der Hand zweier signifikanter Ansprüche Lagardes und Harnacks, ferner durch den Hinweis auf die Standhaftigkeit, mit der die Juden ihrer Religion treu blieben, während z. B. der ganze Norden Afrikas, die Stätte einer mehrhundertjährigen christlichen Kultur, mit dem Eindringen der Muhammedaner dem Islam zufiel, und endlich ganz besonders eindrucksvoll durch einen Vergleich zwischen dier unverminderten Lebensfrische der Religionsschriften des Judentums, vor allem ddsi Talmud, der das Geisteslabsal und der Jungbrunnen für unzählige. Geschlechter, unser Hort und unsere Stütze durch die Jahrtausende geblieben sei, mit der im Staube der Bibliothekein den Todesschlaf schlummernden Kirchenväter-Literatur. In warmen Herzenstönen von hinreissender Kraft schälderte Redner jnun die Segenswirkungen des vielverkannten und darum vielverlästerten Talmuds auf die geistige und; sittliche Lebenskraft des Judentums, um sodann mit der Mahnung zu schliessen, unsere geistigen Güter in treuer Hut zu bewahren und zu pflegen. Die Erforschung und Kenntnis unserer Literatur und Geschichte werde in unseren eigenen Reihen die Liebe zum Väterglauben •stärken und zugleich nach aussen hin bezeugen, dass das Judentum einen der wichtigsten Bausteine zur Kulturentwickelung der Menscheiit geliefert habe und deshalb zur Mitarbeit an den Kulturaufgaben durchaus berufen sei. Langanhaltender Beifall folgte den nach Form und Inhalt gleich gross gearteten, nahezu eineinhalbstündiigen Ausführungen, deren wohltuender Eindruck sicherlich in allen Hörern noch lange nachwirken wird. Der Vorsitzende sprach den beiden Herren Referenten herzlichen Dank aus und schloss hierauf die General-Versammlung •mit der zuversichtichen Hoffnung auf ein ferneres gedeihliches Wirken der Gesellschaft.