Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 4 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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26 LITERATURBLATT No. 4 sich viele von ihnen vom Geschlecht seit vielen Jahrhunderten hingehen, mit einer ehrenvollen Beschäftigung zu vertauschen.“ Gleichzeitig bestimmte das Dekret für den 15. Juli den Zusammentritt einer Versammlung in Paris von ״Rabbinern, Grundbesitzern und andern Juden, die sich durch ihre Rechtschaffenheit und Einsicht am meisten auszeichnen.“ Doch enthielt dieses Gesetz noch eitle Härte: es bestimmte für die östlichen Bezirke, dass vom Tage dieses Dekrets an die ״Vollziehungen und Urteile oder Verträge gegen nicht handeltreibende Landleute, .... wenn diese Ländleute Verpflichtungen gegen Juden eingegangen sind,“ auszusetzen wären! Also richtet sich dieses Gesetz nicht ausschliesslich gegen die Wucherer, sondern gegen alle Juden. Doch wir müssen berücksichtigen, dass Napoleon seine Kenntnisse über die Juden im Wesentlichen auf den Kriegszügen im Osten erworben hat, und dass er da vor allem die in ihrer sittlichen Entwickelung nicht gerade bevorzugten Teile unserer Nation kennen und — verachten gelernt hat. Er sah in ihnen eine Gefahr, welcher gegenüber der kulturelle liochstand der alteingesessenen Juden ihm nur wenig bedeuten konnte. Er unterschied aber scharf den Kern der jüdischen Nation, — denn er betrachtete die Juden als eine solche — deren zähe Widerstandskraft gegen alle Stürme der Jahrhunderte er bewunderte und die Eigenschaften, die sich düe Juden durch die Verfolgungen angeeignet und deren Beobachtung in ihm Verachtung der einzelnen Juden grosszog. Er will ״den Glauben der Juden mit den Pflichten der Juden vereinbaren und sie zu nützlichen Bürgern machen,“ und ist fest entschlossen, ״dem Uebel Einhalt zu tun, das viele von ihnen zum Nachteil unserer Untertanen anrichten.“ Die Einsetzung jenes Grafen Mole als eines der Regierungskommissare in der Versammlung, gibt uns Beweis genug für die noch immer bestehende Missstimmung des Kaisers. Doch gerade diese Tatsache lässt in dem weiteren Verhalten das staatsmännische Genie Napoleons um so strahlender erleuchten: er vergisst nunmehr persönliche Gefühle und ist ganz Staatsmann, dem das Staatswohl über alles geht, der alle Kräfte und ihre schöpfende Arbeit zusammenfassen will zum Wohle des Ganzen. Napoleon hatte aus der Aanarchie die geordnete Freiheit gerettet. Und jetzt ging er daran, den Rest der Ungleichheit seiner Untertanen auszumerzen, aber nicht christlich-sentimental, wie einst Gregoire es gewollt und auch nicht stürmend als Mann der Revolution, sondern, indem er zunächst seine Hand an die organische Besserung derer legte, die noch ausserhalb der Gesellschaft standen — der Juden. An Talleyrand schrieb er damals: ״alle Stände, jedes Religionsbekenntnis, sollen frei sein.“ Und schon auf seinem italienischen Feldzuge hatte er zu den greisen Bischof Visconti von Mailand gesagt: ״Die Republik will, dass ein jeder zum Wohlie aller beitrage,