Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- III (1907)
- Issue
- 2 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- Seite 16 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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16 LITERATURBLATT No. 2 liehe Stiere galten als heilig, und mit ihnen sämtliche Schafe und sämtliche Katzen. Daneben nahmen allerlei Gebräuche. Speisevorschriften usw.. überhand. Einen Griechen z. B. durfte ein Ägypter nicht küssen, weil jener Stierfleisch ass. Trotzdem machten griechische Kaufleute in Ägypten gute Geschäfte. Als dann mit Alexander d. Gr. die griechische Herrschaft in Ägypten begann, galt die griechische Bildung als die feinste ihrer Zeit, sie ward darum in Alexandrien besonders gepflegt und von den Ptolemäern und deren Nachfolgern zu Ansehen gebracht. Die ptolomäischen Könige und nach ihnen die römischen Herrscher duldeten denn auch die ägyptische Religion, ja sie förderten sie sogar. Die heute noch so viel bewunderten ägyptischen Tempel von Esne. Denderah. Edfu und Philae rühren nicht aus dem alten Reiche her, sondern sind das Werk der Ptolemäer. Der ägyptische Glaube griff infolgedessen nach Griechenland über, doch den Griechen genügte ein Teil der ägyptischen Religion, der nämlich, der ihren Göttern am nächsten kam. und so bildete sich eine vereinfachte Form heraus. Unter Ptolemäus II. .kam der Gott Serapis als Osiris nach Alexandrien und wurde dort als Hauptgottheit verehrt. Die Gemahlin des Osiris;, Isis, die eine Kapelle am Leuchtturme von Pharus hatte, wurde zur Göttin der Schiffahrt ausgebildet. Zu dieser griechisch-ägyptischen Mischreligion hat ferner auch die Kunst ihr Teil beigetragen. Nachdem sie durch den Piraeus in Athen Eingang gefunden, verbreitete sie sich über alle Hafenstädte lind drang von ihnen in die Länder ein. Schon vom zweiten vorchristlichen Jahrhundert trifft man den Kult des Osiris und der Isis in Griechenland an. Osiris sowie Isis wurden jedoch mehr als Gottmenschen verehrt. Der Hauptteil der ägyptischen Religion, den die Griechen herübergenommen habe, gipfelte in der Osiris-Sage. Später ist der ägyptische Glaube nach Italien gekommen, wo er von Ostia aus nach Rom überging. Schon unter Sulla, 80 vor Christi, gab es eine ägyptische Gemeinde in Rom. Im Jahre 58 vor Christi wurde der Kult hier verboten, später noch mehrmals, dann aber wieder erlaubt, da er zu viele Anhänger im Pöbel besass, und endlich abermals v e r - boten. Allmählich fanden auch die gebildeten Römer Geschmack daran, und wie in ■unserer Zeit wurde Ägypten das Land der Touristen. In ähnlicher Weise macht sich heute der esoterische Buddhismus in Paris und!Berlin breit, wenngleich es nicht der wahre Buddhismus ist. Vor allem waren dem ägyptischen Kult die Frauen zugetan; der ägyptische Priester genoss in Rom den Ruf eines bedeutenden Mannes. Caligula nahm die Isis in den römischen Staatskult auf. und Hadrian brachte die Verehrung der ägyptischen Götter noch mehr in Schwung. Der Letztgenannte fügte ihnen sogar einen neuen Gott hinzu: er machte seinen im Nil ertrunkenen kleinen Sohn Antigonus zu einer Gottheit. So gab es bald keine Stadt, der der ägyptischen Kult fremd geblieben wäre; überall zeugen ägyptische Inschriften von seinem Dasein. In Griechenland in Kl&inasien. iin Italien, in Spanien drang er ein; neuerdings fand man selbst in der Ursula-Kirche i׳n Köln eine solche Inschrift, — hier hielt sich einst wohl eine Familie einen ägyptischen Diener. Von den noch erhaltenen europäisch-ägyptischen Tempeln ist de.r in Pompeji der beste, wiewohl er mit den altägyptischen Tempeln nichts gemeinsam hat. Wie sehr sich der ägyptische Glaube, insbesondere der Isiskult, in Europa eingebürgert hat. das erkennt man bis zum Ende des vierten nachchristlichen Jahrhunderts; er ist, wie gesagt bis nach Deutschland gedrungen. Die mystische Philosophie der Ägypter erhielt sich in Griechen-!and bis ins fünfte und sechste Jahrhundert. Seit dieser Zeit ist der ägyptische Glaube in Europa erloschen, wie er schon früher in Ägypten selbst erloschen war.