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Jüdische Rundschau · 1906-11-09 · 23 (9.11.1906) · p. Seite 190

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
23 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
Seite 190 (sequence 6)
Language
German
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190 LITERATURBLATT No. 23 Literaturbericht Weltliche Lieder eines Geistlichen. Der Titel des Buches scheint einen Widerspruch in sich zu, enthalten. ihn solcher ist aber nur insofern vorhanden, als der Verfasser allem Anschein nach ein Rabbiner, ein Jude ist, und wir Juden zwar das gute Recht haben, weltliche Lieder zu dichten, aber nun einmal keine Geistlichen haben. Es sind ja mit dem. was der preussische Staat unter ״Geistlicher“ versteht, einige äusserliche 'nicht zu verachtende Vorteile verbunden, dass man es den Rabbinern nicht verdenken kann, wenn sie auch dieser Vorteile teilhaftig werden wollten, aber der Verfasser der weltlichen Lieder ist nicht weltlich genug, um darum Geistlicher sein zu wollen. Auch gehört er keineswegs zu den Elementen, die darum sich Geistlicher nennen, weil ״auch bei den andern Konfessionen“ die Priester Geistliche heissen. Unsere Rabbiner sind Kenner unseres Rechts und Volksiehrer, und solcher ist der Verfasser der weltlichen Lieder, und es ist nichts weiter als eine Inkonsequenz die er dem schönen Klange seines Paradoxen zuliebe begangen hat, wenn er sich einen Geistlichen nennt. Dass sein Buch ein weltliches ist, sieht man bereits aus dem überaus ״modernen“ Titelbilde, wo ein bekleideter Mann sich, weniger bekleidete Personen des andern Geschlechts hinter einem recht durchsichtigen Gitter ansieht. Dieses Titelbild giebt aber ein1 ebenso falsches Bild von den Liedern und Gedichten, wie der Titel ״Geistlicher“ bereits gegeben hat. Denn die Erotik des Buchs ist eine so gesunde dass erst die Auffassung, die das vom Titelzeichner entworfene Titelblatt gibt, sie in einem anderen Lichte erscheinen lassen könnte. Das Titelblatt hätte ebenfalls besser fortbleiben sollen. Es fehlt also nur noch, dass wir hinzufügen: und die Gedichte hätten auch besser fortbleiben sollen. Das wäre so richtig im Stil fortgefahren, aber grundfalsch. Denn wir müssen gestehen, dass der Dichter der weltlichen Lieder uns zwar manche Enttäuschung, aber auch manchen recht hohen Genuss verschafft hat. Denn nur mit rechter Freude kann man solche Gedichte lesen, wie ״der reitende Priester“ eines ist. in dem der Dichter von sich selbst ein halb schalkhaft, halb ernst gemeintes Bild gibt, das uns in hohem Masse zeigt, wie ernst ihm der Beruf ist, den er den eines Geistlichen nennt. Aber grade dies Gedicht ist tief religiös und wird erst recht verstanden, wenn man unter den Aphorismen des Dichters liest, dass der Ballon, Religion manchen lieb gewordenen Ballast über Bord werfen muss, wenn er zur Sonne aufsteigen soll. Dass der Dichter damit nicht meint, das Judentum durch Verstümmelung seiner traditionellen Gebetspoesien ״reformieren‘‘ zu können, ergibt sich nicht bloss aus seiner andersgearteten TätigK 'it .als Mensch und Rabbiner, sondern auch aus den Judenliedern seines Bändchens, in denen eine tiefe nationale Sehnsucht und ein feiner Einblick in das Judengeschick zum Ausdruck kommt. Freilich die Form lässt öfters noch recht viel zu wünschen übrig, am allerwenigsten freilich in seinen ״Ketzergedanken?‘‘ mit Fragezeichen, in denen viele junge Weisheit verzapft wird. Wenn wir das Ganze zusammenfässen wollen, so müssen wir bekennen, dass hier ein tiefes und feines religiöses Gefühl mit stolzer nationaler Selbstachtung und einer veredelten gesunden Sinnlichkeit zu einem harmonischen Ganzen sich ergänzen, aber grade wegen dieser vollen und stolzen Eigenart Mühe haben werden, sich Freunde zu verschaffen. Denn das Mittelmässige und Schablonenhafte ist weit weniger dazu angetan. Abneigung und Feindschaft sich zu erzeugen, als die selbstbewusste Eigenart. Wir weisen für diese nicht immer weltlichen Lieder *) Weltliche Lieder eines Geistlichen. Berlin: Verlag Harmonie (1906). (175 S.) kl. 8.

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