Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 20 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Literaturb der Jüdischen Rundschau Beilage zu Q ״Jüdische Rundschau“ Jahrg. XI. No. 42 Herausgegeben von Br. Heinrich £oewe. Q Redaktion: BERLIN N. W. 52, Melanchthonstrasse 4. No. 20. Berlin, 30.Tischri 5667 — 19. Oktober 1906 Jahrg. II Ein Dichter- und Künstlerjüngling (Ein Lebensbild.) Von Leon Scheinhaus־ Memel. ״Willst du den Dichter recht versteh’n, musst du in Dichters Lande geh’n!“ Dieses deutsche. Dichterwort berechtigt mich zur Darstellung des Lebensbildes eines! Mannes, dem ich als Landsmann, Nachbar, als inniger Freund nahe gestanden, dessen Werdegang, Leben und Weben, Kunst und Dichten ich beobachten konnte. Ein Jahrzehnt nach seinem Tode wurde mir der Auftrag, die Sammlung seiner nachgelassenen Schriften mit einer Biographie (hebräisch) einzuleiten.*) Der verklärte Freund, der begabte Dichterjüngling und Maler ist im 28. Lebensjahre heimgegangen, un!d in der kurzen Spanne Zeit, die ,ihm beschießen und die für ilhn eine Leidenszeit gewesen, ist er der Liebling des hebräisch lesenden Publikums im der ganzen Diaspora geworden, ein gottbegnadeter Dichter in der Sprache Zions. In den folgenden Ausführungen soll seinem Namen auch in!der deutschjüdischen Literatur die verdiente Würdigung, seinen Alanen gerechte Huldiguug zu teil wenden. Marcus Hirsch Marne ist im Jahre 1859 zu Radoschkcwitz in Russisch- Littauen als Sohn eines armen Melamed geboren. Die Mutter verkaufte auf dem Marktplatze allerhand Tonwaren und Steingut. Der karge Verdienst der Eltern genügte kaum für den notdürftigsten Lebensunterhalt der Familie. Die übliche Erziehung der meisten armen jüdischen Knaben wurde auch Mane zu teil. Frühzeitig war ׳der Junge׳ dem Lernen geweiht, und die Wände des engen ,.Cheder“ schnitten ihm jede Möglichkeit ׳eines Anschlusses an die schöne Natur ab. In seinen späteren Briefen spricht Mane häufig über diesen Uebelstand der jüdiSchten Erziehung', dass ihm in seiner Kindheit die schöne Welt der farbenreichen Natur-Eindrücke völlig unzugänglich war. ״In der Kindheit wusste ich überhaupt nicht, was Spaziergang heisst; — schreibt er seinem Freunde, — es war ganz unerhört, dass ein Knabe sich erdreisfet hätte, den dunklen Raum des ״Cheder“ ein wenig zu verlassen, um auf der *) . Sämtliche Schriften von Mane, Hebräisch, 2 Teile in 1 Bd. Verlag Tuschiia in Warschau 1897.