Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 7 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/8295971-9045928-8207933--257-8189903- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 7 56_LITERATURBLATT nach innen zurücktraten. Die Israeliten haben ihre Steinblöcke viereckig behauen, aber bl^ss an den Rändern, nicht dagegen, wenigstens nicht nach aussen hin, in der Mitte. Die seit der Zeit des Herodes sich findenden römischen Nachahmungen dieser Bauart sind von den altisraelitischen Bauten leicht zu unterscheiden. Auch die kanaanitischen und israelitischen Scherben sind nach Material, Form und Schmuck stark verschieden. Die Krüge der Kanaaniter verlaufen nach unten in eine Spitze, so dass sie nicht ohne weiteres auf den Boden gestellt werden konnten, wie Aehn- Jiches in derselben Gegend noch heute bisweilen vorkommt. Hinsichtlich der geschichtlichen Ergebnisse haben sich nun die anfänglichen grossen Erwartungen nicht erfüllt. Inschriften Davids oder Salomos sind nicht gefunden worden. Aber man muss berücksichtigen, dass ausser der berühmten Inschrift des Königs Mesa von Moab und ausser der 1880 von Baurat Schick im Siloahkanal gefundenen Inschrift bis vor kurzem kein Denkmal in althebräischen Lettern vorhanden war. Aber die Deutschen fanden 1904 in Megiddo ein kleines Jaspis-Siegel, das über einem babylomischen Löwen die althebräische Inschrift trägt: ״Gehörig Schima, dem Diener Jerobeams”. Es kann sich wohl bloss um einen Beamten des israelitischen Königs Jerobeam II. handeln, der von 785 bis 742 v. Chr. regiert hat. Sellin war es beschieden, aus den Trümmern von Taanach 12 mit Keilinschriften bedeckte Tontafeln, darunter 6 oder 7 wohlerhaltene herauszuholen. Es sind A^erzeichnisse wahrscheinlich militärischen Inhalts und in babylonischer Sprache abgefasste Briefe an den kanaanitischen Priesterfürsten von Taanach, darunter eine von religionsgeschichtlicher Bedeutung, der seinem Wortlaute nach im Alten Testament stehen könnte. Eine Opferstätte in Taanach zeigt eine zu einer Höhle verlaufende Rinne, von der Sellin annimmt, dass sie den in der Höhle vermuteten Göttern das Blut der Opfertiere habe zufiihren sollen. In grosser Zahl sind bei allen Ausgrabungen Amulette, Ringe und heilige Steine gefunden worden, wie das Alte Testament sie erwähnt. Zahlreich sind auch nicht bloss aus vorisraelitischer, sondern auch aus späterer Zeit die babylonischen, ägyptischen und kanaanitischen Götterbilder, unter denen die unbekleidete Astarte überwiegt, während von einem auf einem Fabeltier reitenden männlichen Figur bloss gemutmasst werden kann, dass sie Baal vorstellen ■soll. Religionsgeschichtlich am wichtigsten ist ein von Sellin aus vielen Bruchstücken zusammengesetzter israelitischer Räucheraltar, dessen Skulpturen, darunter die Cherubim mit Menschenköpfen und Löwenleibern, manche biblische Ausdrücke veranschaulichen. Die Deutschen haben aus kanaanitischer und die Engländer auch in selteneren Fällen aus israelitischer Zeit viele Anzeichen von Kinderopfern und von den in der Bibel erwähnten Bauopfern vorgefunden. Um einen Altar herum fand Sellin die Reste von etwa 40 Kindern, die anscheinend in Tonkrüge gesteckt und durch aufgeschüttete Erde erstickt worden sind. Die Art, wie menschliehe Körper unter den Toren oder Ecksteinen neuer Bauten eingemauert worden sind, lässt kaum daran zweifeln, dass es sich hier nicht um Beerdigungen, sondern um Opfer handelt. Merkwürdig ist bei den Inschriften die Wiederkehr aus der Bibel bekannter Namen. Der Engländer Macalister entdeckte auf zahlreichen Krughenkeln viel als Stempel dienende Namen, die aus den Geschlechtsregistern in den Büchern der Chronika bekannt sind. In Gezer fand man zwei aus dem siebenten Jahrhundert stammende Tontafeln, die in babylonischer Keilschrift echt jüdische Namen, wie Nathan nennen. In kultureller Hinsicht scheinen von alters her nicht bloss ägyptische und babylonische, sondern auch mykenische Einflüsse wirksam gewesen zu sein. Erinnert doch manches Kleingerät aus Gezer, Taanach, Megiddo ganz und gar an die in Troja, Mykenae, Tiryns gemachten Funde.