Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 6 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- Seite 48 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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48 LITERA T Ü R B L A T 4 No. י י abkeine Belagerung äushaiten, da der Feind soiwi Jas: schneiden konnte. Man grub wohl einen Brunnenschacht yertikal bts in das Niveau der Täler, wie man solche Schachte auch heute in Jast aüen grossen Burgen findet; der Brunnen gab aber kein Wasser. Da entschloss man sich, die Quelle des einen Tales, die sogenannte Marienquelle, durcn den Berg hindurch unter dem Brunnenschacht hinzuleiten. Jetzt hatte der Schacht Wasser; jetzt konnte Jerusalem jeder Belagerung trotzen, — und es hat auch getrotzt. Dieser Brunnenschacht, der zum Tunnel hinunterführt, steht heute noch, und wenn ich mich recht erinnere, wird er auch heute noch als Brunnen benutzt. . Warum führte man aber den Tunnel von der Quelle nicht nur bis zum Schachte; warum führte man ihn auf der anderen Seite des Berges beim Teich Siloah wieder hinaus? Woran die Bauleiter dachten, das wissen wir nicht; wir wissen aber, dass das sehr zweckmässig war. Die Marienqueile wurde ganz verschüttet und mit ihr auch der obere Eingang des Tunnels, so dass der Feind keine Ahnung hatte, woher die Städter ihr Wasser hatten. Die Juden selber vergassen es bald, so dass auch kein Verräter es verraten konnte. Das überschüssige Wasser der Quelle, das im Schachte nicht geschöpft wurde, konnte sich in der Quelle nicht stauen und aus dem Boden sickern und so dem Feinde die Quelle verraten; das überschüssige Wasser gelangte vielmehr in den Siloah-Teich. Zu diesem Teiche führte aus der Stadt ein Fusssteig hinunter, so dass die Leute, die im engen Brunnenschacht nicht zukommen konnten, dasselbe Wasser auf bequemem offenem Wege aus dem Teiche holen konnten. Den Teich konnte aber im Kriege der Feind ruhig besetzen; der Schacht blieb den Städtern doch, und die Marienquelle blieb verborgen; alle Welt meinte, das Siloah-Wasser komme direkt aus dem Felsen; niemand ahnte, dass es aus dem gegenüberliegenden Tale kam. Ein anderer Vorteil der Siloah-Miindung war, dass der Brunnenschacht ventiliert wurde und sich in ihm keine Stickluft sammeln konnte; das war aber von höchster praktischer Wichtigkeit. Wir haben es hier offenbar mit einem genialen technischen Werk zu tun. Nun soll über die technische .Ausführung des Tunnels gesprochen werden. Der Tunnel wurde von beiden Seiten gleichzeitig in Angriff genommen. Erstens konnten bei dieser Bauweise doppelt so, viel Arbeite» arbeiten, man konnte das Werk in der halben Zeit vollenden; zweitens bekam jedes Stück nur die halbe Länge; die Ventilation war also besser und das Hinausschaffen des Schuttes leichter. Die Richtung festzuhalten war nicht besonders schwer; der Schein der Lampen lässt jede noch so geringe Abweichung sofort erkennen, da das Licht nur gradlinig sich fortpflanzt. Die Arbeiter verliessen sich so sehr auf ihr sicheres Gefühl füi Richtungsänderungen, dass sie dort, wo sie auf härteres Gestein j-tiessen, diesem ruhig auswichen, so dass die Tunnelbahn etwas geschlängelt ausfiel. Es ist ganz natürlich und kommt in Bergwerken auch heute noch vor, dass die beiden Stollen in der Mitte sich nicht trafen, sondern im Abstand von mehreren Metern an einander vorbei gingen. Durch sorgfähiges Abklopfen wurde die relative Lage der beiden Stollen erkannt und darauf ein direkter Verbindungsstellen an der dünnsten Stelle durchgeschlagen. Auf dieselbe Weise wurde auch die Verbindung mit dem Brunnenschacht hergestellt. Die Frage, mit was für Werkzeug gearbeitet wurde, ist eine müssige Frage:-mit Hammer und Schlägel, mit Meissei und Hacke. Wichtig ist nur die Frage, aus welchem Metall diese Werkzeuge bestanden־ diese Frage ist allerdings heute noch ungelöst. Man neigt zu der Ansicht’ dass sie, wie heute, aus Eisen bestanden, nicht aus Bronze —_••