Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 6 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Literaturblatt der Jüdischen Rundschau Beilage zu Cl .Jüdische Rundschau' Jahrg. XI. No. 9 Herausgegeben von Dr. Heinrich loewe. Q Redaktion: BERLIN N W. 52, Melanchthonstrasse 4. No. 6. Berlin, 5. Adär 5666 — 2. März 1906 Jahrg. L Jüdische Nation und Nationalität Von Dr. Aron Sandler-Breslau. (Fortsetzung.) Diese Verwischung heute bestehender Gegensätze im Lichte entwickelungsgeschichtlicher Betrachtung hat nun in manchen Köpfen das eigenartige Bestreben gezeitigt, die Bedeutung der heute bestehenden Gegensätze gering zu schätzen. Weil ehedem ein Gegensatz zwischen zwei Gruppen, zwei Nationen oder zwei Rassen, nicht bestand, besteht er auch heute nicht. Logisch ist das jedenfalls nicht gedacht. Man geberdet sich, als glaube man noch an so und so viel Urrassen, durch deren Verschmelzung der Rassenbegriff aus der Welt geschafft worden ist — während doch tatsächlich die Lehre von der Einheit des Menschengeschlechtes gegenüber der Lehre von der Polygenesis von den meisten Forschern anerkannt ist. Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, dass als heutige Rassengegen- Sätze nur Misch Produkte in Form von Rassenindividualitäten in Betracht kommen, deren historische Zergliederung eben nur historischen Wert hat und auf immer ursprünglichere Gruppen führt, die ihrerseits immer wieder Mischprodukte darstellen. Ich möchte hier auf die in mehreren jüdischen Zeitungen 1902 eifrig weiterverbreiteten Worte des liberalen Predigers Dr. Rieger zurückkommen, die dieser im Anschluss an ein Buch von Driesmans, das sich auch mit dem jüdischen Rassenblut beschäftigte, schrieb, und in denen er sich auf die Ansichten Kirchhoffs (wie wir heute wissen, mit Unrecht) berief. (Zeitschrift ERNSTES WOLLEN 1902, No. 70.) Er beseitigte mit einem Federstrich die jüdische Rasse und die jüdische Nation. Die wissenschaftliche Begründung lautet: da die Juden keine reinen Semiten sind, sondern — nach Luschan — sich vielleicht mit ihnen in uralten Zeiten die arischen Amoriter und die Chetiter, in späteren Zeiten die mongolischen Chazaren vermischt haben, so gibt es keine jüdische Rasse. Jst doch selbst die als charakteristisch angesehene jüdische Nase nicht semitischen, sondern armenoi'den Ursprungs. Weil also die jüdische Rasse keine semitische Rasse ist, gibt es keine jüdische Rasse; das ist eine erschütternde Logik. Daraus, dass