Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 2 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 2 LITERATURBLATT 11 seine Auswüchse im tiefsten Herzen verwundet und fremartig berührt hätten, so können wir ihm hier wenigsten analog fühlen. Denn die Auswüchse der Assimilationsbestrebungen solcher galizischen und russischen Juden, die in die deutsche Qeisteswelt verschlagen worden sind, und die geistige Purzelbäume schlagen, vor Lust, dass sie so ganz Deutsch geworden sind, berühren uns ebenso fremdartig und verletzen uns in unserem jüdischen Ehrgefühl und Selbstbewusstsein. Aber wir vergessen nicht, dass sie Produkte des Überganges sind aus' einer Kultursphäre in die andere. Sie glauben Deutsche und Juden zu sein, und sind beides nur deshalb, weil sie beides eigentlich nicht sind. Franzos kommt auf den Rat zurück, den ihm Dr. Lippe gegeben hat. sich nur schleunigst taufen zu "lassen. Es gab aber eine lange Zeit, — ehe nämlich Franzos nach Berlin übersiedelte, — wo allgemein Franzos für einen getauften Juden gehalten wurde, ohne dass damals dagegen aufgetreten wurde. Sicherlich ist ihm selbst dieses Gerücht eben nicht zu Ohren gekommen. Es ist Franzos’ Bemerkung nicht als unwahrhaftig zurückzuweisen, dass ei seine Schriften, die samt und sonders geeignet sind, den Hass gegen die galizische Judenheit und die Verachtung gegen das Judentum zu schüren, nicht in dieser Absicht geschrieben hat. Er kannte ja in Wahrheit das echte Judentum so wenig, dass er vielleicht mit Recht gegen den Popanz von einem Judentum zu Felde zog, den er sich zurecht gemacht hatte. Aber Bilder aus den deutschen Zuchthäusern sind eben' falls Bilder, die zu einer gesamten Schilderung des Deutschtums hinzugehören. Nur sind sie nicht das Deutschtum. Franzos’ Juden singen wenig Volkslieder. Und wie unendlich gross ist der Reichtum der osteuropäischen Ghettojuden an Volksliedern und wie gross ihre Sangesfreudigkeit. Franzos’ Juden sind alle lächerlich und hässlich, sie stellen nur das entstellteste Judentum dar und aus einig»" Ausnahmen, die ins Karrikierte übertrieben sind, sind mit einem grossen Aufwand von Witz und Geist, die besser an geeigneterem Stoff verwendet wären, die Typen der Rabbiner und Gelehrten, der Melamdirn und Schnorrer zuammengesetzt, die in einem Fränzosschen Werke das Milieu bilden. Die Schönheitsfehler, an denen die Fränzosschen Werke immer leiden, sind in dem „Pojaz“ auf das Minimum reduziert, das bei Franzos überhaupt möglich ist. Dagegen tritt sein Erzählertalent im „Pojaz" weit mehr in die Erscheinung als in allen seinen andern Werken. Und dieses Talent soll nicht gering veranschlagt werden. Wenn man sich also vergegenwärtigt, dass das, was Franzos als Milieu darstellt, nur insofern der Wahrheit entspricht, als er den Schmutz auf der Gasse richtig ge sehen hat und zusammenfegt, so kann man das Buch mit viel Genuss und Behagen lesen, soweit nicht die moralisierenden Einflechtungen stören. Man kann innigen Anteil an dem Schnorrer und an seinem zum Schauspiel begabten Sohne nehmen und die Tragik im Spotte aufs Tiefste mitempfinden. Der „Pojaz“ wird seine kulturgeschichtliche Bedeutung nicht verlieren. Zwar nicht für die Juden, wie sie heute in Ostgalizien