Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 1 LITERATURBLATT wie einst, und ebenso unverwüstlich ist jene Volksmumie, die über die Erde wandelt, eingewickelt in ihren uralten Buchstabenw ndeln, ein verhärtet Stück Weltgeschichte, ein Gespenst, das zu seinem Unterhalte mit Wechseln und alten Hosen handelt . . . Aber aller spezifische Hass gegen das Judentum ist nur geboren aus der Abneigung gegen d i e Religion, „die „zuerst jene Menschenmäkelei' aufgebracht, die uns jetzt so viele Schmerzen verursacht.“ Aber immer noch stellt er das „konsequente und rigorose Rahbinertum“ über dien hinkenden Rationalismus se.ner Freunde, die „dem Judentum neue Dekorationen und Kulissen“ geben wollen, und bei denen „der Souffleur soll e'n weisses Beffchen statt eines Bartes tragen“, die wollen „ein evangelisches Christentümcben unter jüdischer Firma und machen sich ein Talles aus der Wolle des Lamm-Gottes, machen sich ein Wams aus den Federn der heiligen Geistestaube und Unterhosen aus christlicher Liebe, und sie falberen, und die Nachkommenschaft schreibt sich „Gott, Christus und Co.“ Zu allem Glück wird sich dieses Haus n-cht halten, seine Tratten auf die Philosophie kommen mit Protest zurück . . . .“ Aber wenn nichts Positives seine Anhänglichkeit an die Genossen des „grossen Judenschmerzes“ bewiese — auf den „Rabbi von Bacharach“ mit dem Widmungsgedieht „Brich aus in laute Klagen, Du düsteres Märtyrerlied . . . u. a. brauche ich mich hier nicht zu berufen — so wäre der Groll und der Ekell gegen das Christentum ein Zeugnis dafür, gerade, weil er ihn erst nach seiner Taufe überkam. „Unser .kleiner Hund Wird auf der Strasse . von den anderen Hunden auf eigene Weise berochen und malträtiert, und die Christenhunde haben offenbar Risches gegen den Judenhund”, schreibt er .1823 an seinen Freund Moser. Und demselben Freunde empfiehlt er einige .Monate nach seiner Taufe ein Buch von Golowin über die Japaner, und zwar, weil die Japaner nichts mehr verabscheuen als das Chr stenturn. „Fs ist ihnen nichts so verhasst wie das Kreuz. Ich will ein Japaner werden.“ Und selbst noch am Ende seines Lebens, als ihm die Zweifel an der Wahrheit des Rationalismus mehr und mehr kamen, sagte er zu Alfred Meissner. „Hören Sie da eine grosse Wahrheit: wo dyc Gesundheit aufhört, wo das Geld aufhört, wo der gesunde Menschenverstand aufhört, dort überall fängt das Christentum an.“ Man möge es bei Lichtenberger genauer nachlesen — und das muss jedem Juden, besonders natürlich noch jedem Heinefreunde eine gleich ernste wie interessante Lektüre sein — wie dqs Problem „Jude“ dm Leben Heues eines der ergreifendsten ist. Und eines der grundlegenden, wenn man ganz den Inhalt des Kampfes erfasst, der eigentlich fm tiefsten Wesen Heines tobte, und den Heine in seinem letzten Gedichte (dem auch das an den Anfang gesetzte Motto entstammt) noch einmal kämpft: „Spukt in dem Stein der alte Glaubenswahn? Und disputieren diese Marmorschemen? Der Schreckensruf des wilden Waldgotts Pan Wetteifernd wild mit Mosis Anstimmen*“ und über dem er schliesslich resigniert: