Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 19 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/8295971-9045908-8207467--172-8189815- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14(5 N0. 19• LITERATURB L. ATT In das ■־vierzehnte Jahrhundert versetzt uns der Dichter, in die Zeit,, wo die Städte sich von den bevormundeten Oberhoheiten befreien, und wo die Juden die■ Kosten zu tragen haben, die der Freiheitskampf verursacht. Dieselbe Entwicklung machte sich damals, freilich in ein wenig anderer Form, indem deutschen Bürgertum; geltend,, wie heute indem Aufwachen des russischen Bürgerstaiides, Und wie dort, so" hatten hier die Juden auszukosten, was die Herren den Bürgern eingebrockt hatten. Es ist die Zeit, in der man die Juden endgiltig zwang, sich allein vom Geldhandel zu ernähren, weil das der einzige Beruf war, in dem man die Juden deshalb; lassen■ musste, weiTdas kirchliche Zinsverbot das Kreditgeschäft durch Christel! unmöglich machte. Es ist eine böse Ironie des ' ‘ Geschicks, dass, man das heimatlose Volk zwang, von Zinsgeschäften zu leben aüf' Grund eines Gesetzes, das dem europäischen Geiste so fremd "׳' ist und das aus der Gesetzgebung des jüdischen Volkes selbst, freilich stilgerechter, hervorgegangen war. U1 ' Scholz versetzt uns in die Strassen der Stadt Konstanz und in das־ HäUS des ״Juden von Konstanz“. Eigentlich ist er freilich gar kein Jude, ' wenigstens nicht im Sinne des Glaubens. Denn Nasson hat sich taufen ' lassen. Er tat das in der Ueberzeugung, sich so selbst eine Heimat zu gnih'den' und doch Seinen Blutsbrüdern treu zu bleiben. Er tat das aus einer höheren Auffassung heraus״ die im vierzehnten Jahrhundert in Mit- "teleuropa Unmöglich war; auch bei Juden unmöglich. Ausserdem konnte kein Jude so töricht'sein, zu glauben, dass er in seinem Volke bleiben, י auch nur mit seinen Brüdern von ferne freundlich leben könnte, wenn er in def Zeit der bösesten Not zum Feinde überliefe, von dessen Händen ' die Brüder erschlagen und die Väter verbrannt waren. Sie mussten ja 1 in ihm den Verräter sehen, dessen Taufe allein den feindlichen Beschuldiguhgen durch die Tat Recht zu geben geeignet war. Ausserdem aber sind immer nur solche Leute zur herrschenden Kirche übergetreten, die entweder religiöse Schwärmer waren oder Streber, die ihr Schäflein ins Trockene bringen wollten. Spinozas lassen sich nicht taufen. Dieser unhistorische Zug geht vielfach durch das Stück. Dass zu allen Zeiten junge Leute mit einander ״poussiert“ haben, ist keine ■Frage. Aber zu einer Zeit, die den intimen Verkehr zwischen Juden und Christinneu oder Christen und Jüdinnen als Sodomiterei bestrafte und - ausge- J suchte Qualen erfand, um solche ״Verbrecher“ in ■entsetzlicher Weise langsam zu Tode zü quälen, Strafen, die nachweislich an Juden vollzogen wurden, die sich in öffentliche Häuser gewagt hatten, zu einer solchen Zeit ist ein Verhältnis nicht möglich, wie es der Dichter zwischen den jungen Patriziern und den Judenmädchen von Konstanz dar stellt. Aber diesen ünhistorischen Zug hat er mit dem Juden Wassermann gemein. Dass er das jüdische Familienleben nicht kennt und dass es bei ihm keineswegs zur Darstellung kommen kann, verwundert uns nicht. \ Und doch würden wir dem Stück Unrecht tun, wenn wir ihm nur diese Schattenseiten vorrechnen wollten. Es ist aus einem Guss Und mit dem Streben nach wahrhaftiger Darstellung geschrieben. Es muss von