Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 19 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8295971-9045908-8207467--171-8189814- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Literaturblatt der Jüdischen Rundschau Beilage zu ,,Jüdische Rundschau' Jahrg. X. No. 50 Q Herausgegeben von Dr.?cinrich £oewe. p Redaktion: BERLIN N W. 52, Melanchthonstrasse 4. No. \9. Berlin, 17. Kislew 5666 — 15. Dezember 1905 Jahrg. 1. Der Jude von Konstanz Zuweilen verirrt sich einmal ein Berliner in die Mulaekstrasse oder in das Viertel hinter dem Alexanderplatz und ist ganz* erstaunt, dass es dort auch Menschen gibt, Menschen freilich, wie er sie keineswegs dort zu finden erwartet hätte. Dort liegen die breiten Judenquartiere, wo der weitaus grössere Teil der Berliner Judenschaft, an die Hunderttausend, ihr nicht grade zu reichlich gesegnetes Leben führen. Der Mann wird stutzig. In den meisten Fällen lässt man es sich an einem Blick genügen. Wenn man zufällig einen armen Krüppel, einen Bettler oder Hausierer trifft, dann ist das Urteil fertig, dass die Juden schmutzig und degeneriert sind; und wenn die lieben Berliner zufällig nicht in die Rückertstrasse oder in das Scheunenviertel einbiegen, so bleiben sie bei ihrer alten Ueberzeugung, dass die Juden alle reich sind, wie ja die hellen Schaufenster unter den Namen Cohn und Levy, Samulon und Schmer! beweisen. Einige wenige kommen freilich dadurch in nähere Berührung mit der jüdischen Masse und sind erstaunt, ein gesundes Volk zu finden, das zwar im allgemeinen dem kleinen Bürgerstand angehört, das aber doch weitere und mehr geistige Interessen hat, als das in den gleichen Schichten andersnationaler Stämme der Fall ist. Sie werfen dann einen Blick in eine Stube, wie sie Israels gemalt hai, und sind sehr erstaunt, dass die Söhne des alten Volkes noch immer lest, treu und zäh am alten Volkstum festhalten und trotz aller Humanitätsduseleien und Assimilationsphrasen der Tiergarteninteressenten keine Lust verspüren, sich aufzulösen. Ein eigentümliches Bild, in das wir da hmeinsehen. Der jüdische Familientisch am Freitag Abend. Ebenso kommt zuweilen ein deutscher Dichter in das Judenquartier und sucht sich da mit Vorliebe das mittelalterliche Milieu aus, wo er die Juden am unvermischtesten in ihrer Eigenart beobachten zu dürfen und wiedergeben zu können glaubt. So ist es Wilhelm von Scholz gegangen, der in seinem ״Juden von Konstanz” ein Drama geschaffen hat, das noch keineswegs zu den technischvollendeten gehört, aber von der Gestaltungskraft des Dichters beredtes Zeugnis ablegt.*). *) Wilhelm von Scholz: Der Jude von Konstanz, in vier Aufzügen mit einem Nachspiel. München und Leipzig: Georg Müller 1905 (187S.)8®.