Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 16 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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128 LITERATURBLATT No. 16 Notizen Die Statue eines sumerischen Königs David (4500 v. Chr.) Die weisse Marmorstatue eines sumerischen Königs David wurde von der von der Universität Chicago ausgesandten Expedition bei Ausgrabungen an der Ecke des alten. Tempelhügels in der Ruine Bismya in Zentral-Babylonien entdeckt. Edgar־ James Banks berichtet darüber in ״Scientific American”: Obwohl die Expedition so bemerkenswerte 1<esnltäte gehabt hat. wie die Auffindung des schönen alten Krematoriums, des ersten, das zu Tage gekommen ist und die Feststellung von Gewölbebauten in Babylonien schon um 4000 v. Ghr., ist die Auffindung dieses alten, fast prähistorischen Kunstwerks eines der interessantesten Ergebniisse der Expedition. Man fand die Figur auf dem Rücken liegend; der Kopf fehlte und «ne abgebrochenen Zehen der Füsse lagen gerade darunter. Der Kopf wurde später in einem anderen Teile der Ruine gefunden. Einige Stellen, besonders im Gesicht, sind mit Salpeter bedeckt, wie bei allen, die lang in dem Boden Babyloniens begraben waren: andere Teile der Statue sind! so vollkommen erhalten, als wären sie eben aus den Händen des Bildhauers hervorgegangen. Die Statue ist 88 Zentimeter hoch und hat einen Umfang von 81 Zentimeter. Der Kopf ist kahl, das Gesicht bartlos, und die dreieckigen Augenhöhlen, in denen einst elfenbeinerne Augen mit Erdipech befestigt waren, sind nun ihohl. Die Schultern sind breit und vierschrötig, der Körper ist dick und kurz, die wohlgeformten Anne heben sich frei vom Körper ab und dlie Hände sind nach babylonischem Brauch vorn gefaltet. Diie obere Hälfte des Körpers ist nackt dargestellt, von ׳der Taille ab hängt eine Art plissierter Rock herab, der schwere Wolle oder Pelz darstellen soll. Um der Statue Halt zu geben, sind die blossen Füsse in ein Piedestal eingebettet. Auf der rechten Schulter liest man folgende deutlich eingeschnittene dreizeitige Inschrift im alten Sumerisch: Der Tempel Esha. König Daudu (Daud David). König (von) Udnumki. Der Name des Königs ist dem Assyriologen ganz neu. Den Namen der Stadt und des Tempels las man zuerst auf dem grossen Stein Hammurabis den die Franzosen in Persien kürzlich entdeckt haben. Das Alter der Statue beträgt zweifellos über sechs Jahrtausende; als annäherndes Datum nimmt man aus verschiedenen Gründen 4500 v. Cnr. an. Zunächst ist der archaisehe Charakter der Schrillt derselbe wie in den Inschriften, die lange vor dem babylonischen Könige Sargon, 3800 v. Chr., datieren" Dia Buch!- staben der Inschrift sind gerade und fast hieroglyphisch; die keilförmigen Zeichen waren noch nicht entwickelt. Zweitens fand man die Statue unter den Plattformen mehrerer rekonstruierter Tempel. Die oberste dieser Plattformen enthält Ziegel mit dem Namen Dungi, 2750 v. Chr.; darunter war eine aus den Ziegeln Sargoms (3800 v. Chr•) gebaute Plattform, noch tiefer fanden sich Spuren mehrerer anderer Ausbauten. Unter allen dieser! Plattformen erst lag dlie Statue unter den Ruinen eines Tempels aus kleinen plankonvexen Ziegela den alle Assyriologen der Mitte des fünften Jahrtausend v. Chr. zuschreiben. Der Kunststil, die dreieckig geformten Augen, die mit der Stirn eine gerade Linie bildende Nase, die nur in jener Periode!getragene eigenartige!Kleidung, alles dies weist!darauf hin. dass die Statue demselben Zeitalter wiie das berühmte Basrelief im Louvre und eine Statuette im Britischen Museum angehört. Die Assyriologen nehmen allgemein für Figuren mit diesen besonderen Merkmalen etwa das Jahr 4500 v. Chr. an. Die Statue, die um ganze 1500 Jahre älter als alle anderen aus Babylonien stammenden!ist, gibt nicht nur ein Stück Geschichte mit dem Namen eines vergessenen Königs, sie ist auch ein vollkommenes Beispiel der ältesten Kunst der Welt und eröffnet ein neues Kapitel in der Geschichte des ältesten bekannten Volkes von Mesopotamien.