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Jüdische Rundschau · 1905-10-06 · 15 (6.10.1905) · p. Seite 120

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
I (1905)
Issue
15 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
Seite 120 (sequence 8)
Language
German
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120 LITERATURBLATT No. 15 wollen. Vorzugsweise die Entstehung des Christentums sollte von jüdischer Seite wissenschaftlich und populär (largestellt werden. Nicht so sehr aus apologetischen Gründen, wie das im vorliegenden Falle geschieht! Vielmehr bedarf der Jude selbst das erhebende Bewusstsein, dass der Mann vor dessen Gottgewordener Person Milionen anbetend liegen, ein Sohn unseres Volkes ist. Wenn auch die Lehre Jesu in der Folge durch Paulus umgestaltet aus der jüdischen Nation hinausführte, so ist es doch ein Rühmenstiiel mehr für das Jüdische Volk, und wahrlich nicht der geringste, dass Jesus ein geborener Jude war. Das empfindet niemand mehr, als die Antisemiten, Darum versuchen alle offenen und' versteckten Feinde des Judentums diesen 'Piifimestitel uns zu entreissen, 1indem sie entweder ohne jedes Wissen und deshalb ohne jede Scheu und unverblümt Jesus zum Nichtjuden machten oder aber, weh sie zu gut wussten, dass das nicht gut angehe, weitschweifige philologisch-historische Spitzfindigkeiten konstruierten, um die Bevölkerung Galiläas als ״gemischt“ zu erweisen. Der Pfuscher freilich, her solche gelehrten Bücher!in die Hand bekam, verstand nicht die!feine Taktik der weisen Zurückhaltung und plauderte plump das Ziel aus, auf das man!feiin sacht hinsteuern will. So hat uns J. V. Vinzerbach mit einer reizenden Broschüre erfreut, die wir allen Freunden ungewollten Humors aufs wärmste empfehlen: War Jesus ein Deutscher? Diese 1900 bei E. Keil in Berlin erschienene Broschüre trägt als Motto: Als Mensch war unser Christusheld geboren, Fern seiner Heimat, treu doch seinem Blut, D ei u t s c h , kühn und innig, kämpft er totverloren Für deutsche Art, für deutsches Recht und Gut. Ein Deutscher War er, nie des David, Jünger, Und DeuJsche mahnt er durch sein Wort und, Kreuz, Und Deutsche sind wir, seine Geisteskinder. Wer aber von uns denkt wie er so deutsch? Der ״Forscher“ freilich, der dieselbe Tendenz hat, sieht sich sehr vor, so plump seine Karten aus der Hand zu geben. Er wird entweder vorsichtio andeuten, dass eine Mischbevölkerung in Galiläa war, als Jesus geboren wurde, oder wird, wenn er historischen Sinn genug hat. um die Lächerlichkeit dieser Methode einzusehen, die Darstellung vorziehen, dass das Judentum kein Verdienst daran hat, dass Jesus eine so grosse Bedeutung für die Menschheit gewann. Nun, Jesus ist aus der jüdischen Nation hervorgegangen, wie grosse Männer anderer Nation aus der ihrigen. Arminius ist der Nationalheld der Germanen, wenn er auch von Germanen ermordet wurde. Und Jesus wäre auch der Ruhm der jüdischen und keiner andern Nation, wenn es wahr wäre, was aber unwahr ist, dass er von einem jüdischen Gerichte zum Tode verurteilt wurde. Sokrates ist doch der grösste Athener und das Urbild edlen Ath&nertums, wenn er auch, durch Vollksgericht zum Tode vierurteilt worden ist. Wir Juden sollten der neutestamentliehem Forschung weniger fremd gegenüberstehen. Siie! würde objektiver und historischer werden müssen, wenn vorurteilsfreie jüdische Forscher sich mehr an ihr beteiligten. Auch aus diesem Grunde empfehlen wir den Vogelsteinschen Vortrag als interessante Anregung, ' S.

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