Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 11 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/8295971-9045908-8207032--103-8189754- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
LITERATURBLATT No. 85 ihrer Richtigkeit ©in, die mit dem anwachsenden Material immer mehr zur Verfügung stehen. Die nunmehr bereits für die Charaktere der Bilderschrift erhaltenen Werte geben in ganz ungezwungener Weise die geographischen und Personennamen für jeden neuen Text, auf den sie zur Anwendung kommen. So wurde Tyana in der Tyana-, Karchemisch in der Karchemisch-Inschrift (Jerabis am Euphrat) gelesen, und „Mames“ korn.te man auf zweien der drei zwischen Ikonium (Konia) und Tyana (Boz) gefundenen Inschriften entziffern; und Von da aus durfte man zur Entdeckung der Werte anderer Charaktere fortschreiten. Unerwartet kamen dabei geographische Ausdrücke auf den assyrischen Denkmälern zur Erklärung, z. B. der Namen der Völkerschaft Akhlame, welche den Distrikt von Karchemisch bewohnte; Akhlamö wird in der Keilschrift wie der Hettiterschrift Buchstabe für Buchstabe auf gleiche Weise geschrieben. Ja selbst die grammatischen Endungen der Wörter der Arzawa-KeTschritten sind in gleicher Stellung zu finden; und de Götternamen und religiösen Begriffe, die sich aus der Bilderschrift lesen lassen, sind grade die Keinasien eigentümlichen. De Uebersetzungen fliessen nicht allein auf natürliche und geradezu zwingende Weise aus dem Schlüssel heraus, sondern sie zeigen sich ebenso auch der Vermutung und dem gesunden Menschenverstand entsprechend, d. h. sie geben, was man erwarten durfte. Dabei ist das ganze System der Entzifferung ein fortschreitendes. eine Entdeckung führt zur anderen und dient zur Bestätigung und Verifizierung vorher erhaltener Resultate. Sayce hat in jüngster Zeit die Originale vieler hettitischer Inschriften im Konstantinopolitaner Museum studiert und hat dabei verschiedene be.m Abklatschen oder Photographieren natürliche Fehler korrigieren können. Die Karchemisch-. Hamath- und andere Texte wurden in Uebersetzung vorgelegt; einige konnten mit einer gewisser Sicherheit, andere vorerst nur unsicher und lückenhaft übertragen werden. Ein ausgedehnter Gebrauch von ideographischen Determinativzeichen, die dazu dienen, von einem vorausgehenden oder nachfolgenden Wort die Begriffssphäre anzuzeigen, hilft bei der Entzifferung tüchtig mit. Der König, auf den die Hamath-Texte sich beziehen, hiess Arkl-suanna. Die Inschriften sind zum grössten Teil Bau- oder religiöse Inschriften. (A 11 g. Z t g München.) Julius Oppert Paris. Julius Oppert, der berühmte Orientalist, Mitglied des Instituts, Professor am College de France, ist Sonntag, den 21. August abends um 11 Uhr im 80. Lebensjahre gestorben. Trotz eines Leidens, das ihm seit zwei Jahren grosse Schmerzen bereitete, hielt er nocb im vergangenen Winter Vorlesungen im College de France, besuchte auch die Sitzungen des Institut de France. Während einer dieser Sitzungen hatte er am 11. August einen heftigen "Anfall seines Leidens. Seitdem hat Oppert sich nicht mehr erholt. Oppert 'ist dem grossen Publikum : vor allem als Deuter der babylonischen Keilsehriftinschriften bekannt geworden. Seine Kenntnisse waren aber wahrhaft universell. Nebst seinen orientalischen Fachstudien war er auch mit der antiken, deutschen, englisehien und französischen Literatur innig vertraut. Sein Gedächtnis war bewunderungswürdig. Er war auch ein hervorragender Mathematiker, astronomischer Rechner und Chronologist. Unter dem Kaiserreich genoss er am Hofe den Ruf eines glänzenden Causeurs. Er gehörte zu dem intimen Zirkel, den Kaiser Napoleon und Kaiserin Eugenie in Corrpiegne zu versammeln liebten, und viele geist-