Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 10 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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76 LITERATURBLATT No, 10 Um die Schwierigkeiten, welche sich, ob aut diesem oder jenem Wege, der Kunst des Uebersetzens entgegentürmen, zu lösen, gibt es nur ein Mittel: man lasse die jüdische Sprache, wie sie ist, denn sie lässt sich nicht .,übersetzen“. Buber findet das richtige Wort, dass sie eine res sui generis ist und als solche behandelt werden muss — nun dann lasse man ihr auch dieses Recht, ein Recht, das sie wie jede Volksprache besitzt, ein eigengearbeitetes, unter seinen Sonderbedimgungen historisch gewordenes Gebilde zu sein, dessen Seele gerade in den zahllosen Sonderheiten, den charakteristischen Lauten, Wortformen und -Anwendungen, Satzgebilden, kurz in unzähligen Nuancen versteckt liegt. Wollen wir ein solches Volksidiom in eine Schriftsprache, eine Kultursprache, übertragen, so rauben wir ihr diese Seele. Eher gelingt es, ein Werk aus einer fremden Schriftsprache in die eigene kongenial zu versetzen,, als aus einem seiner Dialekte. Mit jener bindet sie, bei allen nationalen Verschiedenheiten, doch ein gewisses geistiges Fluidum zusammen, von dieser trennt sie eine Kluft zweier heterogener Atmosphären. Ein Versuch, diese zu vermischen, kann nur einen Misserfolg zeitigen. Das beweisen, um nur ein Beispiel anzuführen, die jetzt auftauchenden Uebersetzungen Reuter’scher Werke ins Hochdeutsche, die geradezu läppisch anmuten müssen. Was aber dem „Platt" recht ist, ist dem „Jargon“ billig. Und noch viel mehr — denn bei aller leiblichen Verwandtschaft hat sich weniger in der äusseren Form als in seinem inneren Gehalte die Tochter von der Mutter weit entfernt; ihr Verhältnis ist wie das der jüdischen zur deutschen Volksseele. Es Beuchtet darum ein, wieviel bei einer Uebertragung verloren gehen muss; zahllose Beispiele aus der Uebersetzungsliteratur können dies bekräftigen. Buber selbst, wie sein Vorwort beweist, fühlte die Unzulänglichkeit der freien Nachbildung und ging darum seinen eigenen Weg, doch ohne mehr zu erreichen; was er uns gibt, ist weder Jüdisch noch Deutsch. Lassen wir die Sprache in ihrer ursprünglichen Gestalt — sie jst kaum schwerer zu verstehen als die Buber’sche Uebertragung, und wird uns doch viel mehr als diese geben. Der „Jargon“ ist für uns ein Schreckbild, für viele sogar ein verächtliches,, weil wir ihn nicht kennen. Wenn wir vorurteilslos an ihn herangehen, dann werden gerade wir deutschsprechenden Juden eine freudige Ueberraschung erleben; wir finden so viele liebe, alte Bekannte in ihm, ja sogar solche, welche die verstossene Tochter treuer als die Mutter bewahrt hat, dass gerade die unentwegtesten „Staatsbürger jüdischen Glaubens“ ihn voll Entzücken an ihre deutschnationale Männerbrust drücken müssten. Diese bald so bekannt anmutende Form — wohl neun Zehntel des Sprachschatzes, sind deutschen Ursprungs •— ist aber nicht um elbständige Anlehnung oder Nachahmung, sondern in sie hat die jüdische Seele ihr ganzes Wesen hineingegossen, so dass etwas Neues, Eigenes entstanden ist. So viel ihres Fühlens und Erlebens ist hineingewachsen, so viel Leid und Freud, schwere Bedrücktheit und unter Tränen lächelnder Humor, Hingabe und Resignation lebt in ihr, so viel von dem Schicksal unseres Volkes ist mit der Sprache verquickt, dass wir in ihr wie in einem