Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 10 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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74 LITERATURBLATT No. 10 schreiben, das der „liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen' Gemeinde" zu Berlin erlassen hat. Damit war dem Buche leider eine eng umgrenzte Tendenz vorgeschrieben, und das ist vom Übel. Es musste eine Apologie werden, denn es war dadurch, wunderlich und! cfiarakteristisch genug, vorwiegend für einen christlichen Leserkreis bestimmt, den es freilich nie finden wird. Es musste .nusdrücklich „vom Standpunkt der liberalen Anschauung im Judentum“ geschrieben sein, das heisst jenen von den christlichen Völkern im 18. Jahrhundert gepflegten Rationalismus predigen, der sich geniert altgläubig zu sein, und sich doch nicht getraut ungläubig zu sein; der alles Mystische wegdisputieren will und doch fortwährend das „rein Religiöse“ betont. Diese bleischwere Taucherrüstung hat Bäck auf seinem Gang durch diie jüdischen Jahrhunderte mitgenommen, und daher sind die besten Stellen seines Buches die, an denen er aus der „liberalen“ Anschauung einmal unbewusst herausfällt. Versuchen wir, so schwer das naturgemäss grade bei einem solchen Werke ist, kurz die Hauptgedanken Bäcks der Reihe nach zu skizzieren. Bäck geht, wie Lazarus in seiner Ethik des Judentums, von der Anschauung aus, dass die Geschichte der jüdischen Religion einen einheitlichen und fortschrittlichen Charakter aufweist. Als Gründe hierfür führt er einleuchtend an, dass sie eine unveränderliche Grundlage durch ihre Kodifizierung in Bibel und Talmud hat, und dass ihr Träger eine bestimmte Individualität ist, nämlich das jüdische Volk (oder, wie es seit der Zerstörung des Tempels bei iBäck heisst, die jüdische Glaubetnsgemeimde). Dadurch erst kann man überhaupt von einem Wesen; des Judentums sprechen. Das Wesentliche der jüdischen Religion sieht Bäck darin, dass sie unabhängig von religionsphilosophischer Mystik einen durchaus sittlichen Charakter trägt, und das Prinzip der Sittlichkeit als d -s Grundlegende betont. Sie ist keine Erkenntnistheorie, sondern Ethik, und zwar praktische Ethik. Denn das Kennzeichen des Sittlichen ist für sie nur die Tat. Die Religion des Sittlichen hat ihr charakteristisches Gepräge als Religion gegenüber der philosophischen Ethik durch ihre unbedingte und stete Beziehung auf Gott, auf den e i n e n Gott. Das ist der ethische Monotheismus. -— Die israelitische Religion ist von Anfang an eine Weltreligion, mag ihr Rahmen auch durch die äusseren Verhältnisse noch so eng gezogen sein; es liegt in ihrem Wesen, Weltreligion zu sein, denn die sittliche Forderung ist eine allgemein menschliche. Dem widerspricht nicht der jüdische Gedanke der Auserwählung, der nur ein Ausdruck erhöhter Verpflichtung vor Erreichung des Endzieles — da ist die sittliche Einigung der Menschheit — sein will. Ausserdem war der nationale Abschluss nötig zur Grundlegung dieser Gedanken. Das System der jüdischen Religionslehre teilt im folgenden Bäck in zweü Hauptteile: Den Glauben an Gott, den Glauben an den Menschen. Und dieser zerfällt in den Glauben an uns, den Glauben an den Nebenmenschen, den Glauben an die Menschheit. Es kann nicht im Rahmen dieser Zeit-