Židovská ročenka pre Slovensko
- Journal
- Židovská ročenka pre Slovensko
- Volume
- 5700 (1940)
- Date
- 1940-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 81)
- Language
- German
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- IRI
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In ähnlichen Gedanken versunken gingen an diesem Siwan- Mai-Nachmittag die Menschen ihrer Beschäftigung nach, als immer mehr einzelne Wolkenfetzen am Horizont auftauchten, sich immer mehr und mehr aneinander schmiegten, als wollten sie einander ein Geheimnis zuraunen. Bald aber vereinten sie sich zu einem mächtigen gewitterschweren Gewölk und begannen in der Freude ihres Zusammentreffens allmählich aufzutauen und einzelne Tröpfchen zur Erde zu senden! Oder vielleicht weinten sie ob ihres Kummers und ließen ihre Tränen zur Erde rollen? Verspürten sie etwa die kommende Gefahr, die sich vom weiten ankündigte? Wiewohl sich doch alles lebende Wesen sich des Regens freute: die Blume, das Vieh, der Mensch. War es doch ein erfrischender, alles reinigender und erquickender Maienregen. Der Tag ging bereits zur Neige. Im Schoßberger Ghetto wird es merklich lebhafter. Die Krämerladen werden geschlossen, die schweren Brotsorgen für den nächsten Tag verstaut. Kleine und größere Bachurim der Jeschiwa mit ihren schweren Folianten unter dem Arm eilen durch die Gäßchen. Mit lebhaften Gesten erklären sie sich gegenseitig die Auslegung einer schwierigen Talmudstelle des Rabbis. Sie beachteten kaum den Regen, der immer stärker wurde, doch inzwischen sich auch ein wenig beruhigte. In kleinen Gruppen sammeln sich die Juden zum Maariw- Gebet. Das bevorstehende Schewuothfest gibt dem stets mit sich zufriedenen Gabbai, Reb Jiczchok, schon viel zu schaffen. Mit wichtiger Miene erklärt er jedem, daß die Tempeldekoration diesmal besonder® schön sein werde. Da nähern sich vom nördlichen Horizont dichte schwarze Wolken in drohender Weise. Schwere Gewitterluft beizt die Nase und ein pfeifender Sturmwind, der sich allmählich zu einem wahren Orkan entwickelt, durchheult die engen Gemäuer des Ghetto. Papierfetzen, Dachschindeln, Hüte fliegen in kleinen und großen Bogen über die Gassen und das Klirren von Fensterscheiben mischt sich in die unheimliche Musik des tosenden Sturmwindes. Die nachhauseeilenden Menschen reiben sich von den Augen die Sandkörner, verschnaufen sich kämpfend gegen die alles durchdringenden Staubwolken. Die noch rechtzeitig ihr Haus erreichten, atmen erleichtert auf, dem immer mehr um sich greifenden Sturm, der altes Gemäuer umstößt, ganze Schindeldächer abträgt, Holzzaune umwirft und alles, was nicht niet- und nagelfest ist, aus den Fugen reißt, entronnen zu sein. Plötzlich spaltet ein fürchterlicher Blitzschlag den jahrhundertalten Akazienbaum vor der Synagoge entzwei. Als wäre es Rache wegen des Flirten seiner Blumen. Oder war es nur der Auftakt zum nun beginnenden wilden Aufruhr der Naturgewalten, die verheerend unter der Begleitmusik einer satanischen Zerstörungswut einen höllischen Tanz aufführen. 65