Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 54)
- Language
- German
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48 einen noch nicht hinreichend begründeten Verdacht gehegt und ausgesprochen habe*), als Jude zu erkennen. Dieses ist bekanntlich der Verlauf der Handlung, bei welcher der Zuschauer im Voraus über den eigentlichen Sachverhalt aufgeklärt wird. Das Stück zielt zunächst nicht, wie man gewöhnlich annimmt, darauf, hin, religiöse Toleranz zu lehren, sondern soll nur zeigen, wie ungerecht und thöricht es sei, wenn man von einer ganzen Classe von Menschen, wie namentlich von den Juden, nur Böses voraussetze, ohne jeden einzelnen Fall zu untersuchen. Ein derartiges Vorurtheil ist schon an sich verwerflich, weil wir weder logisch noch sittlich zu einem solchen allgemeinen Schlüsse berechtigt sind, wenn auch noch so viele Erfahrungen uns zu demselben veranlaßt hätten. Wäre es auch nur ein Einziger, der eine Ausnahme machte — und das ist doch immerhin möglich — so hätten wir nrindestens diesem Einzigen Unrecht gethan. Wie aber gar, wenn die Vergehen der Wenigen stets der Gesammtheit zur Last gelegt werden? Und verbleudet nicht das Vorurtheil die Menschen in dem Grade, daß sie ohne alle Prüfung auch da, wo nicht der entfernteste Grund dazu vorhanden ist, sich zu den gehässigsten Beschuldigungen verleiten lassen? Die edelsten Tugenden bleiben unbeachtet, während die Fehler, die vielleicht durch die Verhältnisse zu entschuldigen wären — durch Verhältnisse, die wohl gar von den grausamen Richtern selbst herbeigeführt wurden — aufs härteste beurtheilt werden. Und sind diese Richter selbst denn frei von allen Fehlern? „O wie achtnngswerth wären die Juden, wenn sie alle Ihnen glichen!" sagt der Baron zu dem edelmüthigen Juden. „Und wie lieb erlswürdig (d. h. der Liebe würdig) die Christen, wenn sie alle Ihre Eigenschaften besäßen!" antwortet dieser dem gleichfalls edelmüthigen, aber zu sehr nach dem Scheine urtheilenden Manne. Die Tendenz des Lustspiels ergibt sich von selbst, wenn rnan den Titel desselben richtig betont. Lessing wollte die gegen die Juden herrschende allgemeine Stimmung läutern. Diese Stimmung spricht sich in den: Pöbelgeschrei: „Die Juden!" aus, das auch *) Lessing wußte wohl nicht, daß er den Juden damit einen Grundsatz der talmudischen Moral befolgen ließ.