Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 50)
- Language
- German
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44 seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: Wähle! Ich fiele ihm mit Demuth in seine Linke, und sagte: Vater gieb! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!" (X, 49 f.) Bei Lessing zeigt sich die Einheit des geistigen und des sittlichen Lebens in der seltensten Weise. Die Humanität, wie er sie verstanden, seinem Volke verkündet und gegen die Individuen geübt hat, war zugleich der tiefinnerste Grund seiner ganzen Lebensansicht. Humanität und Wahrheitsliebe waren bei ihm eins und dasselbe. Er rühmte sich der „besondern Gabe, etwas Gutes an etwas Schlechtem zu entdecken", und sagte, er sei stolzer darauf, als auf alles, was er wisse und könne (XII, 263). Wie die Dinge, betrachtete er auch die Menschen. Da die Wahrheit uns nicht von Außen gegeben werden kann, sondern die Frucht der eigenen Arbeit sein muß, und da Niemand sagen darf, er sei im vollen Besitze der Wahrheit, so achtete er jede redliche Ueberzeugung und lehrte Duldung im umfassendsten Sinne. Ja, er ging so weit, zu bestreiten, daß je ein Mensch aus Absicht dem Jrrthume anhänge. „Will denn" — rief er aus — „eine Classe von Leuten nie lernen, daß es schlechterdings nicht wahr ist, daß jemals ein Mensch wissentlich und vorsätzlich sich selbst verblendet habe? Es ist nicht wahr, sag ich; aus keinem geringern Grunde, als weil es nicht möglich ist."*) Seine Humanität war die strenge Gerechtigkeit. Er selbst war der unbestechliche Anwalt der Wahrheit und trat für sie in die Schranken, wo er irgendwie ihre Rechte verkannt glaubte. Mit allem Scharfsinne, der ihm zu Gebote stand, zerstreute er die Vor- *) Unmittelbar vorher heißt es (X, 49): „Ein Mann, der Unwahrheit, unter entgegengesetzter Ueberzeugung, in guter Absicht, eben so scharfsinnig als bescheiden durchzusetzen sucht, ist unendlich mehr werth, als ein Mann, der die beste edelste Wahrheit aus Vorurtheil, mit Verschreiung seiner Gegner, auf alltägliche Weise vertheidiget." Von sich selbst sagte Lessing: „Ich meine mich um die Wahrheit eben so verdient gemacht zu haben, wenn ich sie verfehle, mein Fehler aber die Ursache ist, daß sie ein Anderer entdeckt, als wmn ich sie selber entdecke." (XU, 174.) Alle Aussprüche dieser Art beruhen auf seiner philosophischen Grundanschauung. Erweckung der Selbstthätigkeit betrachtete er auch als die wesentliche Eigenschaft der Poesie.