Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 48)
- Language
- German
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42 Naturell und seinem Bildungsgänge nach zum abstracten Denken geneigt, schätzte er die Dinge rein nach ihrer sittlichen Bedeutung und hatte er sich die allgemeinen Ergebnisse der Erfahrung vorweg angeeignet. Anders der geniale Freund, der zwar ebenfalls schon in früher Jugend nach allgemeinen Grundsätzen strebte (XI, 1 ff.) und sich von Jrrthümern und Einseitigkeiten frei zu machen suchte, aber vermöge seines auf das Reale gerichteten dichterischen Geistes sich ganz in das wirkliche Leben versenkte und sich dem augenblicklichen Eindrücke hingab. Was wollte er von dem körperlich schwachen und unansehnlichen jüdischen Denker, der sich zwar die innere Heiterkeit bewahrt hatte, aber doch von einem frohen Jugendmuthe weit entfernt war, den er überdies durch seine Begabung und sein Wissen, wie durch das Ansehen, das er als Schriftsteller genoß, weit überragte? Er achtete den Mann, der sich dem Drucke entwand, und Hochachtung war bei ihm Freundschaft (XII, 242). Ja, er ordnete sich ihm gewissernlaßen unter, wie man sich einem Weisern und Bessern unterordnet. „Möchte ich Ihrer Wahl so würdig sein, als Sie der meinigen sind", schrieb er ihm am 21. Januar 1756. „Werden Sie nicht müde, mich zu bessern, so werden Sie nicht müde werden, mich zu lieben", schloß er den ausführlichen Brief vom 18. December desselben Jahres*). Wir besitzen aus der spätern Zeit von Lessing selbst eine- Schilderung seines freundschaftlichen Verkehrs mit einem fügend lichen Wahrheitsforscher, bei der er gewiß auch an seinen Umgang mit Mendelssohn dachte. Er gab (1776) die hinterlassenen philosophischen Aufsätze des unglücklichen jungen Jerusalem heraus**), *) Danzel (I, 389) wollte in Lessings Brief vom 18. Nov. 1756 eine „feine Zurechtweisung" finden und suchte dieses mit der Vermuthung zu begründen, daß Mendelssohn sich dieselbe durch eine Aeußerung zugezogen habe, die in einem Briefe enthalten war, den wir nicht mehr besitzen. Lessing antwortete aber blos auf das Schreiben vom 2. August, und seine halb scherzhaften Worte, die eine Art Selbstironie enthalten, können nur als Beweis seiner Hochachtung für Mendelssohn gelten. Auch die von Danzel aus einem Briefe vom Jahre 1757 (XII, 102) angeführte Aeußerung zeugt nur von der achtungsvollsten Freundschaft. **) Wie Guhrauer (Fortsetzung des o. a. Werkes von Danzel, II, t>, 98) nachgewiescn hat, protestirte Lessing damit indirect gegen die 1774 erschienenen „Leiden des jungen Werther".