Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 10)
- Language
- German
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6 gründet sei, der durch dieselbe erreicht werden soll. Möchte es mir daher gelingen die allgemeinste Zustimmung für den Grundsatz zu gewinnen: Die Lüge ist verwerflich, nicht nur wegen des unsittlichen Zweckes, den sie verfolgt, sondern als unsittliches Mittel, gleichviel welchem Zwecke sie zu dienen bestimmt ist. Nur wenn wir diesen Grundgedanken über das Wesen der Lüge streng festhalten und ihn im Bewußtsein des Erziehers wie im sittlichen Gefühl des Zöglings zu lebendiger Geltung zu bringen suchen, wird die sinnverwirrende Vorstellung verbannt werden können, daß man für die Lüge nicht nur eine Stufenleiter der Verwerflichkeit nach Maßgabe des Zweckes unterscheiden müsse, den sie verfolgt, sondern daß es überhaupt auch erlaubte Lügen gebe, indem der sogenannte harmlose Zweck sie als unschuldige Lüge, der gute Zweck wohl gar als ein Gebot der Nothwendigkeit, als sogenannte Nothlüge erscheinen lasse. — Die Lüge aber ist in jedem Falle verwerflich; und zwar als Absicht und Mittel einen Mitmenschen zu täuschen, als unnatürlicher Mißbrauch des dem Menschen verliehenen Organs der gegenseitigen Mittheilung und als Mißbrauch des dem Menschen zum Zweck dieser gegenseitigen Mittheilung eingepflanzten Vertrauens auf die Wahrhaftigkeit seiner Mitmenschen d. h. auf die Uebereinftimmung ihrer Aeußerungen mit ihrem Denken, Wollen und Empfinden. Die Lüge ist verwerflich, weil sie die edelste Gabe, die dem Menschen verliehen ist, den höchsten Vorzug, der ihn vor allen Geschöpfen auszeichnet, die Mittheilungsfähigkeil und ihr vornehmstes Organ, die Sprache, mißbraucht, entwerthet, in ihr Gegentheil umkehrt;*) weil sie die Grundlage aller mensch- *) „Die Sprache ist das Mittel seine Gedanken zu verbergen," sagt Talleyrand, dessen ganzes Leben die Erhebung der Lüge auf den Thron der Weltherrschaft proklamirt.