Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Volume
- 1858
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9643703-7657895--132-7657922- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
25 Der Beruf in seiner sittlichen Bedeutung ist diejenige Lebensthätigkeit, die wir zum Ausgangs- und Mittelpunkt unsrer Wirksamkeit für die Gesammtheit gemacht haben, und die uns daher auch einen begründeten Anspruch auf einen entsprechenden Antheil an der Wirksamkeit Anderer gewährt, d. h. uns die Mittel für unsere Lebenseristenz verschafft. — Die umgekehrte Auffassung, nach welcher der Beruf das Mittel zu unserer Selbsterhaltung durch unsere Thätigkeit für Andere wäre, wird vielleicht die praktischere genannt werden können, wird aber auch als die vorwiegend egoistische und darum weniger sittliche bezeichnet werden müssen. Die Aufgabe der sittlichen Erziehung wird es daher unzweifelhaft sein, jene sittlich höhere Auffassung des Berufs zur Grundlage ihrer Wirksamkeit für die Jugend zu machen; und wir werden uns leicht überzeugen, daß die Folgerungen aus beiden wesentlich verschieden sind. Schon für die Wahl des Berufs, für diese wichtigste und nur zu oft mit unverzeihlicher Leichtfertigkeit gefaßte Entschließung, wird die sittliche Erziehung sich nicht zu dem Grundsatz bekennen dürfen: wähle den Beruf, der dir am gewissesten und besten deine Existenz sichert, sondern denjenigen, durch welchen du deinen Mitmenschen am meisten zu nützen vermagst. — Hieraus aber folgt von selbst, daß diese Entschließung, die über das ganze Leben entscheidet, nicht eher gefaßt werden darf, als bis die allgemeine Entwickelung des Zöglings ein wohlbegründetes Urtheil über diese Frage möglich macht. Denn wie thöricht es auch wäre, bei dieser wichtigen Lebensentscheidung nicht alle äußern Verhältnisse mit in Betracht zu ziehen, so verwerflich und verderblich wird dieselbe sein, wenn die Fähigkeiten, Neigungen und Eigenthümlichkeiten des Zöglings nicht mit gleichem Gewicht in die Wagschale dieser Entscheidung gelegt werden. Jngleichem geht daraus hervor, daß das zu frühe Hinlenken der Erziehung und des Unterrichts auf die Zwecke eines voraus bestimmten Lebensberufes den höheren sittlichen Zwecken dieser pädagogischen Wirksamkeit hemmend und trübend in den Weg tritt. Und gewiß liegt gerade darin ein Hauptfehler unserer Erziehung und unseres Schulwesens, eine Hauptursache für die