Einladungsschrift zu der auf den ... festgesetzten öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der auf den ... festgesetzten öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1854
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9643701-7657727--12-7657738- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
11 Gewohnheiten die meisten Menschen bei den unbedeutendsten, begrissleerstcn Wörtern in Bewunderung, Ekstase, Schauder, Unwillen und Leidenschaften aller Art versetzen und wie gerade durch die Stärke der Gefühle, die sie erregen, diese Wörter immer in gänzlicher Unbestimmtheit bleiben. Verbinden sich nun diese ersten Materialien des Empfindungsgedächtnisses mit unsichtbaren, in den Tiefen der Zeit und des Raumes als existirend vorausgesetzten Wesen, so bemächtigt sich die Imagination derselben, verleihet ihnen Gestalt und Farbe, die den Glauben an deren wirkliche Existenz verstärken und Motive zu Furcht und Hoffnung abgeben. Nun erlangen diese Bilder eine neue Gewalt, das Urtheil, das ihnen Realität beilegt, eine neue Stärke, durch die Wiederholung derselben Zeichen, derselben Ursachen, denen sie ihre Entstehung verdanken. So glaubt man zuerst an das, was man sich einbildet, um so mehr, weil man empfindet, mit Lust empfindet; hört die Thätigkeit der Imagination auf, so glaubt man noch immer, aus Gewohnheit, an dieselben Wörter. So haben Kinder und so viele Kinder Gebliebene an die Existenz von Zauberern, Gespenstern, Feen, an einen Tartarus, eine Hölle u. dergl. glauben gelernt. Die Wörter, welche diesen Glauben befestigt haben, scheinen nun mit einer übernatürlichen Macht begabt. Wie sollten sie die kalte Prüfung der Vernunft ertragen? Sie demüthigt sich vor diesen, durch das Alter geheiligten Benennungen, die, wenn sie das Ohr berühren, irgend eine alte Saite in Schwingung setzen, und der Philosoph wird wieder zum Kinde. Vergebens glaubt er, mit aller Freiheit und Tiefe der Reflexion in die reinen Regionen der Wahrheit einzudringen; die ersten Erzeugnisse des Empfindungsgedächtnisses gleiten unbemerkt in die Elemente der besonnenen Analyse. So groß ist die Macht der frühesten Gewohnheiten. Die systematischen Visionen der Philosophen, die lockenden Täuschungen der Poeten und besonders die, den ersten Zeichen der Gewohnheit inwohnende Macht uns zu verleiten, von der