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Yediʿot shel Irgun Yotsʾe Shlezyah ʿIlit be-Yiśraʾel · 1965-05-01 · No. 2 (Mai 1965) · p. Seite 4

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Journal
Yediʿot shel Irgun Yotsʾe Shlezyah ʿIlit be-Yiśraʾel
Volume
1965
Issue
No. 2 (Mai 1965)
Date
1965-05-01
Page
Seite 4 (sequence 3880)
Language
German
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Ruth Mirj Hinter dem Schalter mit der Ueberschrift “Einzahlungen”, sass wie gewoehnlich Zvi Kraemer und fertigte die Leute ab. Schon Jahre sass er auf dem gleichem Sessel, zählte mit seinen flinken Fingern die Geldbuendel, warf kurze Blicke auf das Gesicht vor seinem Schalter. Doch heute stockte er, verzaehlte sich zum zweiten Mal, in der Reihe war ein Murren zu vernehmen. Zvi Kraemer zaehlte zum dritten Mal, der Name der Frau ging ihm durch den Kopf — Ruth Mirjam Kranz. Wieder trafen sich die Blicke, die junge Frau vor ihm lächelte. “Warum stiert er mich die ganze Zeit an? dachte sie. “Welche Aehnlichkeit”( murmelte. Zvi Kraemer, “Haben Sie eine Zwillingsschwester ” fragte er laut. Die junge Frau erstarrte. “Eine Zwilltngsschwester—”, wiederholte sie seine Worte, “ja, —, wir wäre» Zwillinge, doch meine Schwester kam bei den Versuchen des Dr. Mengele in Auschwitz um. Woher kennen Sie mich?” fragte Ruth. “Ich —, ich besitze ein ausgezeichnetes Personengedaechtnis. Einen Augenblick, bitte —, Dow”, er wandte sich an einen Jungen Mann. “Loesen Sie mir*» für einige Minuten ab.” Zwi Kraemer verliess seinen Schalter, suchte in den Papieren einen bestimmten Namen. Er blaetterte in der Kartothek, fand die Karte. Mirjam Ruth Neuhaus, hiess die junge Frau, welche heute Morgen auch Geld eingezahlt hatte. Sie war die Erste gewesen, ihr Laecheln versprach ihm einen guten Tag. Sie hatten einige [Worte gewechselt, denn nur wenige Menschen befanden sich zu dieser Zeit in der Bank. “Frau Kranz”, er zog sie auf eine Bank, blickte sie unverwandt an. “Ich kann mich täuschen, bitte, verstehen Sie mich richtig. Heute morgen zahlte eine junge Frau Geld an meinem Schalter ein, und als ich Sie erblickte, glaubte ich die junge Frau von heute morgen habe etwas vergessen, bis ich Ihren Neunen las. Sie sehen sich zum Verwechseln sehnlich.” “Meine Schwester ist tot. Sie ist vor ueber siebzehn Jahren gestorben. Wir waren damals dreizehn Jahre alt, wurden nach Auschwitz geschickt »mH fielen in die Hände des Dr. Mengele, der Versuche mit Zwillingen anstellte. Drei Wochen lebten wir abgesondert, dann trennten sie uns. Von diesem Tag sah ich meine Schwester nie mehr wieder. Man sagte mir, sie sei gestorben.” Zvi Kraemer schuettelte seinen Kopf. “Die Ähnlichkeit ist wirklich frappant. Vielleicht suchen wir die Frau auf, ich habe noch nie zwei so aehnliche Menschen gesehen.” “Meine Schwester ist tot,” wiederholte Ruth. Sie nannte sich Mirjam nach dem Namen ihrer Schwester. “Ich kann Sie nicht zwingen. Ich will nicht an alten Wunden ruehren, doch glaube Ich—.” “Gut” unterbrach ihn Ruth. “Ich habe eine Stunde Zeit”. Zvt Kraemer liess sich eine Stunde Urlaub geben. Sie nahmen ein Taxi, fuhren in den Norden der Stadt, stiegen vor einem neuen modernen Wohnhaus aus. Ein Gemüseladen befand sieb im Parterre, und der Haendier stand vor der Tuer seines Ladens. Zvi Kraemer trat auf ihn zu. IVielleicht wissen Sie, ob Frau Mirjam Neubaus sich in ihrer Wohnung befindet?’ “Bloede Frage”, sagte der Mann kurz. Zvi Kraemer blickte ihn erstaunt an. “Sie steht hinter ihnen, sie ist doch mit Ihnen gekommen'. Er lueftete seinen Hut: “Guren Tag, Frau Neubaus. Dieser Mann stellt absonderliche Fragen.” am oder M Von ZVI KARLINER * Ruth Kranz blickte den Haendier verwundert an, doch der fuhr fort zu reden. “Die Tomaten sind angekommen. Soli ich Ihnen welche heraufschicken, oder nehmen Sie die Tomaten gleich mit?” Sein Laecheln verschwand, als er in das erstaunte Gesicht blickte. Aegerfalten erschienen auf seinem Gesicht. “Wollen Sie mich zum Narren halten, Frau Neuhaus?” “Ich—,” murmelte Ruth mein Name ist Ruth Kranz”. Zvi Kraemer zog ein Taschentuch aus seiner Tasche, fuhr sich ueber die Stirn. Er versuchte dem Händler die Situation zu erklären als eine Kinderstimme ihn unterbrach: “Mutti”, ein sechsjaehriges Maedelchen rannte auf sie zu “du hast mir versprochen—,” sie stockte ihre Augen drehten sich erschrocken nach allen seiten, du wolltest mich doch abholen von der Schule — nein, du bist nicht, Mutti, — nein—” schrie sie auf. Im gleichen Augenblick erschien eine junge Frau im Hausflur, das Madelchen stuerzte auf die Gestalt zu. “Mutti!!!” sie umfasste ihr Kleid, zerrte, verbarg ihren Kopf. “Idith, was ist geschehen?” Sie blickte auf. sah Ruth neben dem Gemuesehaendler stehen, sah den Bankbeamten. Ihre Augen huschten von einem zum anderen, blieben schliesslich auf Ruth haften. Beide öffneten den Mund, es war ein einziger Schrei: “Ruth — Mirjam —”, beide wankten, ihr Mund stand offen, sie hoben hilflos ihre Arme. “Mirjam — Ruth, Ruth — Mirjam”, und dann trafen sie aufeinander. Eine fuehlte die Hand der zweiten, sie fuhren sich über ihre Gesichter, wischten die Tränen, ab, glitten über die Haare. “Es kann nicht sein“, hauchte Ruth, bedeckte das Gesicht ihrer Schwester mit Kuessen, “Mirjam, nein — “Ja, Ruth —, nein —, wie ist es moeglich? Du lebst —, wie ist es moeglich —“Mutti”, weinte das Kind, “was hast du —, Mutti, warum weinst du?” Zvi Kraemer reusperte sich. “Vielleicht gehen wir in Ihre Wohnung”, wandte er sich an Frau Neuhaus, “dort koennen wir ohne Aufsehen zu erregen, sprechen”, Doch die beiden Frauen hoerten ihn nicht. Sie umschlangen sich, vergassen die Welt um sich herum. Er wiederholte seine Worte, waehrend der Gemuesehaendler seine Muetze zwischen den Fingern drehte und “Nicht zu fassen!” murmelte. Zvi Kraemer nahm das verstoerte Kind bei der Hand, legte seine Hand auf die Schulter von Ruth, nein, von Mirjam. “Kommen Sie bitte in Ihre Wohnung!” wiederholte er ein drittes Mal. Langsam stiegen sie die Trepen zu der Wohnung von Mirjam Neuhaus herauf, ihre Haende hielten sich umklammert, wie damals, vor siebzehn Jahren, als man sie gewaltsam trennte. Wie im Traum schloss Mirjam die Tuer zu ihrer Wohnung auf, zog Ruth hinter sich in ein Zimmer, oeffnete einen Schrank. Sie standen vor einem grossen Spiegel, Ihre Gesichter begegneten sich. “Ich kann es nicht erfassen”, fluesterte Ruth ihrem Spiegelbild zu, nein, dem Gesicht Mirjams, welches sie unverwandt anchaute. Mirjam schloss die Tuer vom Schrank, zog Ruth auf eine Couch, umarmte sie, weinte, weinte — “Aber warum weinen sie, wenn sie froh sind, sich zu sehen?” “Blind —, du bist noch zu jung, um es zu verstehen” fertigte er das Kind ab. “Wie ist es moeglich?” fragte Mirjam zum zehnten Mal. Sie hielten sich an den Haenden, wollten sich nicht noch einmal verlieren. “Dr. Schumann erzaehlte mir dass du bei den Versuirjam Ruth chen gestorben bist und drei Tage spaeter brachten sie mich in ein Lager bei Gleiwitz.” “Jetzt beginne ich zu verstehen”, Ruth fasste sich an die Stirn. “Ich lief im Lager umher, suchte dich, rief deinen Namen, bis Dr. Schumann mich grob anführ: “Wie oft soll ich dir noch sagen dass deine Schwester tot ist.” Er verwechselte uns, oder vielleicht war es sein teuflischer Plan? ” Im Laufe der naechsten Stunde flochten sie sie ihr Leben in den letzten siebzehn Jahren wie Mosaiksteinchen zusammen. “Und von Gleiwitz?” fragte Ruth. “Kam ich nach Blechhammer — “ Blechhammer? — ich war auch in Blechhammer. Deswegen fragte mich die Blockaelteste: “So, man hat dich zurueckgeschickt?” Mirjam, du hast das Lager am Morgen verlassen, und ich langte am Nachmittag ein. Ich begriff die Worte der Frau nicht, wir wären schon so abgestumpft. Mirjam, wir sind immer aneinander vorbeigelaufen, ver suchte nie das Schicksal nur weil man uns den Tod der Zweiten einredete” Sie wusste nicht, wie recht sie mit ihren Worten hatte. Die Russen befreiten beide im Laufe von achtundvierzig Stunden. Beide wurden als abgemagerte Skelette in ein Spital eingeliefert. Dr. Boris Orenstein stellte bei Ruth Mirjam Danziger Tuberkulose am linken Lungenfluegel fest. Man brachte sie in ein Spital in der Naehe von Krakau. Tage spaeter winde Mirjam eingeliefert, Dr. Boris Orenstein rieb sich seine Nase. “Ich habe mich noch nie geirrt, doch Ihr rechter Lungenfluegel ist angegriffen. Und warum schreibt man ploetzlich Mirjam Ruth Danziger, vor drei Tagen hiess sie roch Ruth Mirjam —”, auf den Gedanken, Zwillinge vor sich zu haben, kam er nicht. Sie gesundeten. Als erste verliess Ruth das Krankenhaus bei Krakau, gelangte mit einem Strom von Fluechtlingen nach Deutschland, fand das Haus Ihrer Eltern als Ruine wieder, gelangte ln ein Lager fuer Deportierte. Mirjam brauchte zwei weitere Monate, um als geheilt entlassen zu werden. Auch sie suchte das Haus ihrer Eltern auf, wo man inzwischen begann, die Trümmer wegzuraeumen. Im Schutt glitzerte es, sie hob einen kleinen Kristallbehältr auf, der an den Feiertagen den Tisch schmückte. Mirjams Weg fuehrte ueber Deutschland, Frankreich in ein Lager bei Marseille. Im Jahre 194? gelangten beide auf illegalem Weg nach Palaestina, kamen in zwei verschiedene Kibbutzim, kaempften im Befreiungskrieg. Ruth im Galil Mirjam im Negev. Und beide siedelten im Jahre 1950 nach Tel Aviv ueber. Zehn Jahre lebten sie in der gleichen Stadt, ohne sich zu treffen. Vielleicht gingen sie nachts eine an der anderen vorueber, sassen im gleichen Kino? Vielleicht? Bis es einem Bankbeamten auffiel. Ruth ging in den Gemueseladen, um ihrem Mann eine Nachricht zukommen zu lassen. Im Hausflur hielt sie ein fremder Mann auf. “Mirjam — du hast ein neues Kleid? Seit wann?” Er drueckte ihr einen leichten Kuss auf den Mund, blickte in Ruths verstoerte Augen. “Ja, warum stierst du mich so an?” “Verzeihen Sie bitte, mein Name lautete Ruth Kranz,” stotterte sie. Das Gesicht des Manne» verfaerbte sich. “Mirjam, bist du uebergechnappt? ” “Ich heisse wirklich Ruth Kranz”, lächelte sie. “Mirjam befindet sich in der Wohnung. Ich glaube — du bist mein Schwager, sagte sie zu dem verbluefften Mann, dessen Mund jetzt offen stand, der sich langsam an seine Stirn fasste. “Ich habe kein Fieber —, nein, es ist nicht moeglich. Mirjam hat mir nie etwas von einer Schwester erzaehlt”. Sie betraten gemeinsam die Wohnung, sein Blick glitt von Ruth zu Mirjam, 4

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