Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1986
- Issue
- No. 51 (1986)
- Date
- 1986-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Geschichtsbewusstsein als Lebensaufgabe Es gehört zu den periodisch erscheinenden ‘Mitteilungen’, dass Glückwünsche und Grüsse oft erst mit reichlicher Verspätung erscheinen. Unsere Grussworte an, Prof. Dr. Hans Meyer sollen deshalb frei von den üblichen Formeln sein, wenn auch ein ‘runder’ Geburtstag den Anstoss gegeben hat. Hans Meyer gehört zu dem Kreis und der Generation des deutschen Judentums, dem das Entwurzeltwerden zum Teil ihres Lebens und der Lebensabschnitte wurde, was ihn nicht hinderte, seinen eigentlich nie unterbrochenen Studien und seiner Lebensaufgabe nachzugehen. Als er am 3. Oktober 1909 in Crone an der Brahe geboren wurde, stellte die jüdische Bevölkerung der Provinz Posen eine noch beinahe geschlossene Gemeinschaft dar, die ihre Wurzeln sowohl in der jüdischen Religion, wie in der deutschen Kultur suchten und fanden. (Nach allem was wir erlebt haben, fällt es schwer, diesen Begriff als Ausdruck einer positiven Erscheinung zu gebrauchen, aber das waren die Lebensziele, die der Elterngeneration vorschwebten, wofür sie — oft freiwillig — im ersten Weltkrieg kämpften.) Das deutsche Judentum in Posen und Westpreussen zahlte teuer für ihren Glauben an Deutschland. Der Vater war Frontsoldat. Nach der Beendigung des Krieges, als die Provinz Posen Polen zugesprochen wurde, übersiedelte die Familie nach Bromberg in der Hoffnung, dass man sich in dieser — noch — deutschen Stadt einleben werde. Der Wunsch ging nicht in Erfüllung. Im Dezember 1921 musste man weiterwandern, nach Berlin, wo sich der Vater recht erfolgreich eine Existenz auf bauen konnte. Nach einem kurzen Besuch in der Knabenmittelschule der Jüdischen Gemeinde wechselte der junge Hans zum Königstädtischen Realgymnasium über. Drei Jahre später, Ende 1924, konnte die Familie aus der kleinen Wohnung in Lichtenberg in eine grössere nach Alt-Moabit (im Nordwesten) übersiedeln — zwei Stadtviertel Gross-Berlins — und der Schüler besuchte bis zum Abitur das Dorotheenstädtische Realgymnasium. In dieser Zeit der Ausbildung fallen Erlebnisse und Ereignisse, die vielleicht den späteren historischen Wissenschaftler prägen. Während des halben Jahres in der jüdischen Schule beeindruckte ihn Michael Abraham, der Lehrer für Hebräisch und jüdische Geschichte. Später war es der Religionsunterricht durch Rab. Israel Nobel. In der Gemeinde, der seine Eltern angehörten, in der Lessingstrasse, ist es Rab. Heinrich Cohn, der ihn stark beeinflusst hat. Um den Menschen ganz zu verstehen, müssen in einer Biographie Dinge erwähnt werden, die Jahrzehnte später noch ihre Schatten werfen. Der erste Schritt in die Jugendbewegung führte den Vierzehnjährigen in die ‘Kameraden’, einer Gruppe, die ‘hündisches Bewusstsein’ pflegte, das beim ‘Wandervogel’ über das Volkstum zum völkischen Nationalismus geführt hat. Die Mitgliedschaft scheiterte ein Jahr später, 1924, an der Frage des koscheren Essens auf den Fahrten. — Der Schüler und später Student war ein aktiver Sportler, Leichtathlet, der zweimal, 1928 und 1931 an dem bekannten Gruppenwettbewerb der Langstreckenstaffel Potsdam-Berlin teilgenommen hat. Um die etwa gleiche Zeit war er aktiv im Ruderverein jüdischer Studenten, innerhalb des Kartells jüdischer Verbindungen (K.J.V.). Das erste Studienjahr verbringt er in Frankfurt/M, wo er auf der Universität Geschichte, Soziologie und Pädagogik HANS MEYER ZUM GRUSS belegt. Der wirkliche Grund stellte der Besuch der Breuerschen Jeschiwa dar, um dort in die Grundlagen und Grundelemente des Talmuds einzudringen. Seit 1930 lernte er wieder in Berlin, wo er, und das formte den Menschen bis zur Gegenwart, neben Philosophie Geschichte als doppeltes Hauptfach wählte: die mittelalterliche wie neuzeitliche Geschichte. Er fand hier einige der bekanntesten Forscher als Lehrer, Friedrich Meinecke und Hermann Oncken, bei dem er im Jahre 1933 mit Auszeichnung promoviert. Der nächste Schritt führte ihn zum Berliner Rabbinerseminar, 1934-38, wie zum Bachad, Brith Chaluzim Dati; der Nachwuchsbewegung des Hapoel Hamisrahi im Lande. Die Jüdische Gemeinde beschäfigte ihn als akademischen Religionslehrer u. den Rabbinatskandidaten, seit Ende 1936 an der Gemeinde ‘Ohel Jizchok’ 'm Norden Berlins. Vorher betreute diese Gemeinde sein Lehrer Isr. Nobel. Im Winter 1937/38 wirkte er als Dozent am konservativen Lehrhaus in Königsberg. Kurz vor dem Ende alles jüdischen Lebens in Deutschland, November 1938, schloss er die Studien am Seminar mit dem Rabbinertitel ab. Durch die Hebräische Universität in Jerusalem erhielt er ein Zertifikat, um als Forschungsstudent für Geschichtswissenschaften zu arbeiten. Research Fellow of History). In der Zwischenzeit ist die Verlobte, Traute Schimmelsohn, im Lande eingetroffen. Beide können es als glückliches Ereignis bezeichnen, sozusagen im letzten Moment, 1939, Deutschland verlassen zu haben. Im damaligen Palästina wurde ihnen das Leben, das Einleben, nicht gerade leicht gemacht. Man benötigte keine akademischen Lehrer, keine Historiker oder gar in Deutschland ausgebildete Rabbiner. Von 1940 bis 1945 arbeitete Hans Meyer, Doktor der Philosophie und Rabbiner, als Arbeiter in der Textilfabrik Ata. Dann übertrug ihm Hans Beyth, der Verantwortliche für die Jugendalija, die Leitung eines Transitheimes, von dem aus schwere und problematische Fälle, insbesondere überlebende Kinder der Konzentrationsläger, eingeordnet werden solllten. Frau Traute übernahm als Hausmutter die Psyehotherapische Behandlung. Im Befreiungskrieg wurde er als Infantrist eingezogen, der an einigen Operationen im Galil beteiligt war. Nach dem Krieg wurde er Lehrer in Tel Chanan, einem östlichen Vorort Haifas. Bald darauf sandte ihn die Jewish Agency nach Antwerpen, um die ‘Tachkemoni’, die dortige hebräische Schule zu leiten. Es folgten einige Jahre, als Schulleiter in Haifa. Dann folgte er einem Ruf nach Dortmund, als Landesrabbiner von Westfalen, und später, 1969/72 an die Ruhruniversität ln Bochum, wo er über Allgemeine Jüdische Geschichte wie über das Thema der Jüdischen Geistesgeschichte liest. In dieser Zeit legte er die Grundlage für ein literarisches Werk, das, wie der Titel sagt, um ‘Documenta Judaica’ bemüht ist. Es beginnt mit den ‘Erinnerungen’ von Max Lazarus, eines Schulmannes in Westfalen 1967. Es folgte D.A. Winter, Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Moisling/ Lübeck 1968. Ferner Heinemann Stern: ‘Warum hassen sie uns eigentlich, Droste, Düsseldorf 1970 Sodann eine Gedächtnisschrift über den Arzt Dr. Fritz Klestadt. Und danach ‘Lebensweg und Erinnerung eines Jüdischen Pädadogen, von Joseph Gutmann. Diese Schriften hat er nicht nur sorgfältig redigiert, sondern auch mit ausführlichen Erklärungen und Bemerkungen versehen. Schon vorher (1962) hat er eine Sammelschrift ‘Aus Geschichte und Leben der Juden in Westfalen’ veröffentlicht wie er auch an der Veröffentlichung der ‘Ernte der Synagoga (in Recklinghausen), Zeugnisse jüdischer Geistigkeit beteiligt ist. In einem Aufsatz ‘Ein Lehrjahr in Frankfurt 1929-30’ in der Festschrift für R. Dr. Lichtigfeld beschreibt er das Leben innerhalb der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt (1964). Wenn man es so sehen will, spiegelt der Lebensweg des Historikers Hans Meyer ein Stück Geschichte, insbesondere jüdische Geschichte wider Er gehört zu der Generation, die schon in früher Kindheit den ersten Weltkrieg als Ereignis aufnehmen konnte, dem Wanderungen folgten von Crone nach Bromberg, von dort nach Berlin und später die endgültige Wanderung nach Erez Israel. Sein Lebensbild wird von der alten wie Gegenwartsgeschichte geformt. Es gilt nach der pragmatischen Geschichtsauffassung durch die Erforschung der Geschichte die Gegenwart verstehen pu lernen. Eine Idee, die von Lassalle vertreten wurde, über den sein Lehrer H. Oncken eine Monographie veröffentlichte. In jedem der interessanten Gespräche mit ihm kommt sein minutiöses Wissen zum Ausdruck, verbunden mit dem Interesse für alle Gegenwartsprobleme. Dies im Rahmen seines tiefverwurzelten Geschichtsbewusstsein, das in ihm, vielleicht unbewusst, als Lebensmacht existent ist. Kein Wunder bei einem Historiker, der so viele geschichtliche Ereignisse wach durchgelebt hat. Das kommt auch in den Vorträgen zum Ausdruck, die er hier in Haifa von Zeit zu Zeit in verschiedenen Kreisen gehalten hat. Diese Vorträge sind immer historische Lehrabende, die die Zuhörer an seinem tiefen und scheinbar unerschöpflichen Geschichtswissen teilhaben lässt. Wir wünschen ihm, Prof. Dr. Hans Meyer, noch lange Jahre aktiven Forschens, für ihn einer der Wege, die Vergangenheit aufzuhellen, um die Gegenwart verstehen zu lernen. Heinzwerner Goldstein NACHDRUCK L. LUCAS „Zur Geschichte der Juden im 4. Jahrhundert — Der Kampf zwischen Christentum und Judentum” Georg Olms-Verlag, Hildesheim — Zürich — New York 1985. (Nachdruck von 1910 (Mayer-Müller, Berlin). Uber das Leben der Juden im 4. Jahrhundert, der Zeit des Enstehens des Talmud, ist aus Jüdischen Quellen wenig bekannt. Rabbiner Dr. Leopold Lucas s.A. (Glogau) beschreitet einen originellen Weg, indm er aus den Schriften der nachmaligen Kirchenväter, wie Chrisostomus, Ambrosius und Augustin, ebenso wie aus den Erlässen der verschiedenen röm. Kaiser das praktische und religiöse Leben der Juden jener Zeit rekonstruiert. Zweifelsohne ist diese Arbeit eine faszinierende Ergänzung jeder judaistischen Bibliothek. — (Eine Übersetzung der im originalgriechischen angeführ. ten Zitate wäre einer populären Verbreitung der Schrift förderlich gewesen.) 29