Mannheim
Compact Memory

Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1986-01-01 · No. 51 (1986) · p. Seite 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1986
Issue
No. 51 (1986)
Date
1986-01-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/7411685-7413483-7497352--1067-7413497
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Der Quell unserer Kraft ZUM JAHRESBEGINN Das Judentum kennt mehrere Jahresanfänge. Im Mischnatrakt Rosch Haechanah werden deren vier genannt, u.a. der 15. Sch’wat — das Neujahrfest der Bäume —, der Monat Nissan und eben unser Neujahrsfest, R. H. schlechthin genannt. Wer ein wenig nachdenkt, dem werden die erstgenannten Jahresbeginne nach Sinn und Inhalt völlig verständlich. Am Neujahrsfest der Bäume — so heisst es — steigt der Lebenssaft nach dem Winterschlaf von der Wurzel in den Stamm und Wipfel. Nissan, der Frühlingsmonat, als erster Monat im Jahreszyklus, ist ebenfalls einleuchtend, denn der Nissan steht im Zeichen des Erwachens der Natur. Wie aber erschliesst sich die kalendarische Stellung des Monats Tischri als Jahresbeginn dem sinnenden Menschen? Der Herbst ist doch die Zeit des Verwelkens, des Einschiummerns in der Natur!? In der Tat ist die Deutung etwas schwierig. Wir stehen am Abschluss eines Zeitabschnittes. Heisst aber Abschluss nun auch Ende, endgültiges Ende. O nein, Abschluss mag auch Vollendung oder Reife genannt werden. Denn nach dem Stadium der Knospung (15. Sch’wat) und dem Stadium der Blüte (Nissan) kommt es im Herbst, im Tischri, zur Reife und Einsammlung. Dieser Kreislauf ist es, den jedes Geschöpfliche durchlaufen muss. Es ist ein tiefer Sinn darin, dass der Jahresbeginn gerade dann festgesetzt wurde, wenn in der Natur der Höhepunkt des Wachsens überschritten ist und die Natur einzuschlafen scheint. Dieser Übergang von „Stirb und Werde“ hat unsere Religion und Tradition als Augenblicksmoment festgehalten und wir werden aufgerufen, die Wichtigkeit dieses Augenblicks zu begreifen und zu erleben. Was ist es nun um dieses Erlebnis? Der Jude spürt, dass in diesen Tagen der Weltenzeiger weiterrückt, und dass das Leben von Individium und Gemeinschaft schicksalhaft verflochten ist mit dem, was „oben geschrieben und besiegelt, gezählt und beziffert“ wird. Heute ist der Geburtstag der Welt und heute stellt Er seine Geschöpfe vor den Richterstuhl, so heisst es im Hymnus nach dem dreimaligen Schofarblasen im Hauptgebet. Der Mensch wird an seine Kreatürlichkeit erinnert und schon allein dadurch zur Bereitwilligkeit gestimmt, seine Schwäche und Abhängigkeit uneingeschränkt einzugestehen. Nur Umkehr und gute Werke verschaffen ihm den sittlichen Halt, das Leben weiterhin fortzusetzen. Und auf ein zweites wird unsere Aufmerksamkeit gelenkt, nämlich auf die Grundkategorie der Zeit. Zeit bedeutet hier Vergangenheit und Zukunft. In der Vergangenheit haben sich grosse Heilsereignisse abgespielt, die heraufbeschworen werden. Da ist vor allem das Wirken der Erzväter s’chuth awoth und die fromme Handlungsweise der Stammütter, die uns in der kritischen Situation beizustehen vermögen. Aber auch andere bedeutsame Vorgänge aus der Vergangenheit, wie z.B. die Begegnung zwischen Gott und Seinem Volke am Sinai vergegenwärtigen wir uns. Alle diese „Erinnerungen“ dienen dazu, in uns den rechten Geist für die Gegenwart und Zukunft zu erwecken. Der Schofarton erschüttert uns, weckt uns aus unserer Lethargie auf und soll uns zukunftsweisend beeinflussen. Denn die künftige Herrschaft Gottes — ganz real und konkret aufgefasst — ist das eigentliche Anliegen der Hohen Feiertage. So wie sich das Judentum am R.H. die hehre Idee der Herrschaft Gottes im Universum zu eigen macht, so flehen wir auch, dass die übrigen Völker zu einem Gleichen streben mögen. Die Welt muss begreifen, dass Angst und Furcht Voraussetzung für ein zu erneuerndes Leben sind Freilich Angst und Furcht nicht vor dem gewaltigen Wüten der Zerstörungswaffen. Angst und Furcht auch nicht vor den Mächtigen dieser Erde, deren Wink genügt, um Unglück und Chaos unter der Menschheit herbeizuführen. Der Menschheit ziemt vielmehr die Furcht vor dem, der in Wahrheit der Schöpfer und Gestalter ist. Das jüdische Volk betet inbrünstig, dass diese Katharsis statthaben möge, dass danach die vollen Konsequenzen der Anerkennung göttlichen Rechts und ewigen Friedens als herrschende Faktoren des Staats-und Völkerlebens verwirklicht werden mögen. Denn das Judentum fühlt sich verantwortlich für die Existenz der Welt. Gewiss, das jüdische Volk betet auch, dass die ihm gebührende Ehre, als freies Volk unter den Völkern anerkannt zu werden, sichtbar werden möge. Aber Voraussetzung für den abseitigen Aufstieg ist, „dass die Herrschaft des Frevels und des Übermuts wie Rauch verschwinden möge“, und dass sich die Menschheit zu den ewigen Grundeinsichten von Gottesfurcht und Gottesweisheit bekennen möge. Wie es heisst: Gottesfurcht ist aller Weisheit Anfang. Die ehrfurchtgebietenden Tage waren im früheren Deutschland ein mächtiges religiöses Erlebnis, das schlechthin jeden jüdischen Menschen erfasste, dem das Judentum noch irgendwie teuer war. Es war ein Kiddusch Haschern, die Heiligung Gottes in der Öffentlichkeit, wenn die Judenheit Deutschlands, weit von allem geschäftlichen Treiben — auch die grössten Geschäftshäuser waren geschlossen — die Synagogen füllte. In den grossen Städten mussten zusätzlich in besonders gemieteten Festsälen Gottesdienste abgehalten werden, weil die ständigen Gotteshäuser die Fülle der Menschen gar nicht fassten. Es gab keine Gemeinde in Deutschland, in der nicht diese Konzentration auf das Hohe und Erhabene zu spüren war. Diese Gemeinden in ihrer einstigen Grösse und Schönheit existieren nicht mehr. Aber die Geretteten haben nach überallhin in der grossen Welt etwas von dieser hochgestimmten Feierlichkeit mitgenommen und gemeinsam mit unseren Brüdern, die sie in den Emigrationsländern vorfanden, die grosse Tradition von Aschkenas fortzusetzen versucht. Ein Versuch, der zumeist von Erfolg gekrönt war. In Israel, in England, in Nord- und in Südamerika und auch anderswo gibt es Gemeinden, die in den vergangenen Jahrzehnten erstanden sind. Sie verdanken ihre Entstehung bzw. Konsolidierung nicht zuletzt dem Bedürfnis, das Erlebnis der Hohen Feste gemeinsam nach alter Art zu gestalten. Denn dieses Erlebnis ist gemeinschaftsbildend und lebensgestaltend. Gemeinschaftsbildung und jüdische Lebensgestaltung seien auch fürderhin die Ziele, an denen wir festhaiten wollen. Emnfangen wir hierfür am Jahresbeginn die no igen Impulse! In diesem Geiste rufen wir einander zu: L’schanah towah! Das Neue Jahr komme zum Guten über uns, das Haus Israel und die ganze Welt! Prof. Hans Chanoch Meyer (HAIFA) 50. JAHRZEIT NACH RABBINER Dr. MAX SIMONSOHN Aus diesem Anlass fand am Mittwoch, den 28 Mai 1986 in Tel Aviv eine würdige Gedenkstunde statt, zu welcher sehr viele ehemalige Schüler und Freunde des Rabbiners aus allen Teilen des Landes zusammen kamen, über die Tätigkeit des Heimgegangenen und seine menschlichen Qualitäten sprachen Prof. Dr. Joseph Walk, Elieser Pinczover, Rabbiner Dr. Elchanan Scheftelovitz, R.A. Dr. Akiba Hoffmann, Arie Gradenwitz, Erich Lewin und Rabbiner Izchak Levi. Der Abend wurde vom Landesleiter der Bne Akiba, Esra Hartmann, sehr umsichtig vorbereitet und geleitet. Die Lichter entzündete der Neffe des Verstorbenen, Prof. Schlomoh Simonsohn. Das abschliessende Gebet wurde sehr weihevoll von Jehuda Strauss vorgetragen. Zum Ausgang des Abends wurden aus dem „Dr. Max und Chana Simonsohn-Fond” Stipendien an begabte Kinder verteilt. Als weitere Form des würdige Gedenkens darf an den “Simonsohn-Fond” (Postfach 40025 Tel- Aviv) erinnert werden. Dieser Fond finanziert die Ausbildung von Jugenderziehern in den minderbemittelten und/oder problematischen Siedlungen Israels und hat schon sehr viel zur Integrierung jüdischer Jugendlicher aus den verschiedensten Ländern der Welt erfolgreich beigetragen. Da viele von uns dem Hause Simonsohn verbunden sind und von Raw Simonsohn’s Lehren für ihr Leben gewonnen haben, sind wir sicher, dass diese Gedanken mit Ihrer vollen Zustimmung aufgenommen werden und somit diese Jahrzeit kein Schlusspunkt, sondern ein würdiges Zeichen der Weiterarbeit an dem erzieherischen Werk des Verstorbenen sein wird. -9- ABDRUCK EINES ZEUGNISSES Breslau, den 16. August 1925. ZEUGNIS Herr Chajim Witt war von April 1921 bis Juli 1925 als Leiter und Lehrer an unserer im Aufbau befindlichen juedischen Volksschule taetig. Herr Witt hat in dieser Zeit durch seine unermuedliche, von paedagogischer Begabung und Erfahrung, sowie juedischer überzeungstreue geleitete Taetigkeit das Ansehen der Schule gehoben und ihr das Vertrauen der Elternschaft erworben, sich selbst die Liebe und Verehrung von Amtsgenossen und Schuelern, sowie die Wertschaetzung unserer Koerperschaft errungen. Kuratorium des juedischen Schulvereins E.V. gez. Rabbiner Dr. M. Simonsohn, Vorsitzender BERICHTIGUNG Zu unserem Artikel anlässlich des 70. Geburtstages von Prof. Dr. J. Walk (Nr. 50, Seite 32) macht uns Prof. Walk darauf aufmerksam, dass seine Eltern zu den ersten 12 gehörten, die ihre Kinder 1920 in das erste Schuljahr einer neu gegründeten jüdischen Schule in Breslau schickten und somit den Grundstein für den weiteren Aufbau dieser Schule bis zum 10. Schuljahr legten. Erst dannach besuchte Prof. Walk das „Heilige Geist "-Gymnasium in Breslau. 1933 kehrte Prof. Walk als Lehrer an die jüdische Schule zurück. Hier im Lande war Prof. Walk Dozent für Pädagogik und jüdische Geschichte der Neuzeit an der Bar Ilan-Universität, danach leitend am Leo Baeck-Institut in Jerusalem. 14

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.