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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1986-01-01 · No. 51 (1986) · p. Seite 12

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1986
Issue
No. 51 (1986)
Date
1986-01-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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„WIRF MICH NICHT WEG ZUR ZEIT Ein ergreifendes, bewegendes Thema! Wie könnte es in unserer Generation der Alternden und Gealterten klarer und prägnanter ausgedrückt werden als in diesem kurzen Vers, dem neunten in der Reihe von 24 Versen des Psalms 71, von ZUNZ übersetzt? Wie oft im Laufe des Lebens liest (und überllest) man ein solches Zitat, erkennt es in einer Schrifterklärung oder hört einen Vortrag oder gar eine Predigt darüber? Dabei wissen wir es doch längst, wie sehr diese so alten Psalmen bis heute jüdische und nichtjüdische Geisteswelt beschäftigen, wie viele Kommentare entstanden und noch immer entstehen — ja, wie aktuell sie au Jeder Zeit waren und es geblieben sind, im Leben der Gemeinschaft und im Dasein des Einzelnen... Jedoch ist gerade jetzt, in einer Periode, in der unser Blick für das, das die Dichter als “herbstlichen Abend” besingen, für solch wegweisende, innere Konturen schärfer geworden, führen uns unsere Gedanken zu dieser neuerlichen Jahreswende so intensiv zu einem neu zu beschreitenden Weg wie es uns in gewöhnlichen Tagen und in Israels gewohnter Alltagsturbulenz kaum jemals möglich ist. — Denn vergessen wir es nicht, wir leben Ja Alle mehr oder weniger seit fünf Jahrzehnten in unserer altneuen, geliebten Heimat ISRAEL, haben mehr oder weniger vergessen, was uns einst der Begriff Heimat oder Geburtsland bedeutete. Es war unser Aller Schicksal, lange als “Wanderer zwischen zwei Welten” zu existieren, bis wir zu echten Israelis geworden und es geblieben sind, es mit aller äusseren und inneren Kraft bleiben wollen, so lange, wie es uns dasselbe Schicksal noch vergönnen wird! Und insbesondere von der KRÄHT ist ja im obigen Psalm-Zitat die Rede, gefolgt von der demütigen Bitte, “verlasse mich nicht”. Hat uns nicht eigentlich immer, ein Leben lang, diese tiefe bange Frage nach dem “Verlassen.werden” — anlässlich vieler Gelegenheiten — an- und auf gerührt, immer wieder zu den JAM3M NORAEM, beim Lesen der SLICHOTH, aber auch wie oft im täglichen, ganz gewöhnlichen Geschehen? Und dies in einer lärmenden Umwelt, die, wie allüberall in diesen Zeiten, beginnt, uns, dem Einzelnen, fremd und fremder zu werden und in der wir doch irgendwie mitkommen müssen, weil wir dazu aufgerufen sind, von eh und Je. Man hat in dieser zweiten Jahrhunderthälfte so viele völkerverbindende, einem besseren Verständnis von Mensch zu Mensch, vom ICH zum DU (Martin Buber) dienliche Institutionen geschaffen, bemüht sich über Meere und Grenzen hinweg um die “zwischenmenschliche Beziehung” ausserhalb und unabhängig von jeweiliger Religion oder Konfession oder ähnlichen — von Menschen erdachten — Unterscheidungen. Wer sehen will, sieht auch schon da und dort manche Früchte dieser Bestrebungen, etikettiert mit leicht banalen Bezeichnungen wie etwa "Jugendaustausch”, gegenseitiges Familientreffen, dem Sich- Kennenlernen etc. Im Grunde genommen alles Wege, um die mehr und mehr um sich greifende innere Vereinsamung des modernen Menschen zu überbrücken — nur schwache Fackeln, die uns zumindest die nächste Strecke unseres Schicksals zu erhellen helfen.. Hierzulande ist ganz besonders die CENTRA- Bewegung mit ihren tüchtigen Gründern und bis heute Vorsitzenden rühmlichst zu erwähnen, die es sich von Beginn an zur Aufgabe machte, die einzelnen Landsmanschaften der verschiedenen DES ALTERS, WENN MEINE KRAFT SCHWINDET, VERLASSE MICH NICHT* Einwanderungswellen sich gegenseitig näher zu bringen und sie sukzessiv zu verschmelzen; immer war dies das “Gebot der Stunde”, jedoch abgesehen von allerlei theoretischen Richtlinien seitens der Regierung verstand es einzig die CENTRA, nicht nur die sprachliche Annäherung und schliessliche Verschmelzung (Kibbuz Galujoth n. BEN-Gurion) anzupeilen, sondern vor allem die viel wichtigere menschliche Verständigung untereinander zu fördern und zu erreichen — effektiv gelebter HUMANISMUS in unseren Tagen! Dass es vorwiegend die “Jekkes” waren und sind, die sich dieses Ziel gesteckt und es erfüllt haben, gereicht ihnen einmal mehr zur Ehre ln Israels Stadt und Land! Indessen und wie heute allüberall, sind die meisten all dieser Menschen nun älter und alt geworden, müssen sich wiederum abfinden mit den heutigen Gegebenheiten — veränderte Verhältnisse in einer veränderten Welt.. An dieser Stelle unserer Überlegungen kehren wir zurück zum Ausgangspunkt unserer Betrach- (Psalm 71/9.) tung, zum Jahreswechsel 1985/5746, können in diesen ernsten Tagen und Nächten nur still und nochmals für uns postulieren: “Wirf mich nicht weg zur Zeit des Alters, wenn meine Kraft schwindet, verlasse mich nicht” — unvergesslicher Psalm für jeden von uns... Jedoch wollen wir hier unsere innigen Wünsche zu ROSCH-HASCHANA weder zu egozentrisch noch gar zu egoistisch abschliessen, ohne ganz erstrangig unserem in jeder Beziehung — innen und aussen — bedrängten ISRAEL, dem Vaterland unserer Kinder, Enkel und Urenkel, für das eben beginnende neue Jahr von ganzem Herzen, aus tiefster Seele, nur das Allerbeste zu wünschen — endlich friedliche Lösungen auf allen Ebenen, innen- und aussenpolitisch — HASMAN HIGIAHU In diesem Sinne und nur in diesem Geist allen . unseren Freunden, hier und in aller Welt, ganz schlicht ein SCHANAH TOVA U’MEWORE- CHET!... Frieda Hebel Es ist eine sehr schöne Uhr, ich brachte sie meiner Mutter als Geschenk. Eine moderne Uhr mit Batterie. Eine Wanduhr, sie sieht beinahe so aus wie eine richtige schwere Holzuhr von anno dazumal. Sie ging pünktlich und verlässlich, die Batterie musste nur selten getauscht werden. Meine Mutter, Martha Gattei geb. Stolper, freu_ te sich über mein Geschenk, meine Aufmerksamkeit. Die Uhr schmückte ihr Zimmer, sie passte zu den Möbeln. Ihr Zifferblatt war gross und deutlich, um auch von altersschwachen Augen leicht erkannt zu werden. Meine Mutter hat viel mitgemacht in ihrem Leben. Eine armselige Kindheit, als Waisenkind bei fremden Leuten aufgewachsen. Eine erfüllte Jugend mit viel Arbeit, viel Schaffen und allen Gewalten Eum Trotz viel Gelingen. Eine 6 Jahre währende Verlobungszeit voll Bangen und Hangen. Das waren die Jahre 1914—1920. Das war damals als mein Vater in den Krieg zog fürs deutsche Vaterland. Als Soldat war er nicht bereit zu heiraten, er wollte keine Kriegswitwe hinterlassen. Nach dem Krieg heirateten sie. Dann, Inflationszeit, Wohnungsnot, schwere, schwere Jahre, Als meine Eltern sich etwas auf die Beine gestellt hatten, kam der Herr Hitler und langsam aber sicher ging es wieder bergab. Bis sie meinen Vater, Emil Gattei, im KZ umbrachten und es ihnen noch gelang kurz vor dem Ende des tausendjährigen Reiches auch meine Schwester Suse (Suschko) Gattei zu ermorden. Ich, der Sohn, war in weiter Ferne, konnte weder helfen noch trösten. Sie litt doppelt, meine Mutter, war sie doch zum jüdischen Glauben übergetreten und weigerte sich, auch nach dem Tode meines Vaters, diesem Glauben wieder zu entsagen. Was das im Jahre 1942 in Deutschland bedeutete, braucht nicht erörtert zu werden. Doch sie war stolz und ungebeugt und nahm alle Härten auf sich. Sie blieb meinem Vater treu, auch als er nicht mehr war. Dann war der Krieg zu Ende und ich, der englische Soldat, fand sie in den Trümmern der “Festung” Breslau. Meine Mutter sah damals älter aus, als 30 Jahre später, hier im Land. Nach unsäglichen Schwierigkeiten kam sie dann nach Palästina in meine armselige Wohnung, war ich doch grade erst vom Militär entlassen, musste anfangen mir mein Leben aufzubauen, musste Wege suchen um mich und die Meinen zu ernaähren. Dann kamen unsere “kleinen” Kriege hier, und wennimmer Krieg war, musste ich wieder Soldat spielen. So blieb meine Mutter mit meiner Frau und Tochter und sie bangten. Und dann starb meine Frau bei der Geburt meiner zweiten Tochter. Die nicht so junge Grossmutter übernahm die Pflichten der Hausfrau und Mutter für die zwei Töchter. Die Jahre gingen hin, mehr Leid als Freud, keine Zeit sich vielleicht ein eigenes Leben und Glück zu finden. Noch einige “kleine” Kriege, noch einiges Bangen, dieses Mal allein im Bangen und allein mit den Kindern. — Die Kinder wuchsen auf und gingen ihre eignen Wege. Meine Mutter wurde älter und sah sehr schlecht. Sie war immer noch stolz und beinahe ungebeugt. Ihre Interessen am Weltgeschehen, ihr Wissen und Wissensdrang bereicherten sie. Ihr Schaffensdrang und der Wille anderen zu helfen war auch in ihrem 90tem Lebensjahr ungeschwächt. So vergingen noch einige Jahre und dann kam der Tag an dem es nicht mehr ging. Ich musste meine Mutter im Altersheim unterbringen. Ich besuchte sie oft, manchmal konnten wir uns sogar unterhalten. Und da bat meine Mutter um die Uhr und ich brachte sie ihr. Die Augen waren noch schwächer, kaum konnte sie die Zahlen und Zeiger noch erraten. Doch nun streikte die Uhr, sie ging einfach nicht mehr, obgleich sie es andauernd versuchte, der Sekundenzeiger strengt sich gewaltig an, um weiter zu gehen, er zeigt eine halbe Sekunde und fällt wieder zurück, andauernd. Eine neue Batterie änderte die Lage auch nicht, die Uhr stand still, beinahe. Meine Mutter strengte sich genau so an, doch die Zeit steht still, beinahe. Und dann brachten sie meine Mutter ins Krankenhaus und sie kehrte nicht mehr zurück. Auch die Uhr war derweil stehen geblieben, der Sekundenzeiger zuckte nicht mehr am 17.11. 1984. Hiuu Gattei DIE UHR 12

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