Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1982-1983
- Issue
- No. 50 (1982-1983)
- Date
- 1982-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Gegründet von Dr. Wilhelm (Seev) Freyhan Vmw’a isVona ’ksv vutx bv MITTEILUNGEN No.50!Germania. \ JUDAICA J msr-p 1982 — 1983 raum DES VERBANDES EHEMALIGER BRESLAUER UND SCHLESIER IN ISRAEL E. V. VORSTAND: Dr. Richard Prager (Vorsitzender) AKTIONS KOMITEE: Dr. Lilli Berg-Platau, R. Löwenberg Edith Benda, Mosche Goldf-tein, Arie Gradenwitz, BRIEFADRESSE: Erich Lewin, 52235 Ramat-Gan Lotte Lewald, Erich Lewin, Max Lopatka, H. Sachs (Ramat'Chen), Mazadastr. 27 Telefon 749754 Gedanken zum J u b i I ä u m Wenn wir uns einmal die Frage vorlegen, was wohl der Mehrheit unserer Leser als Gemeinsames anhaftet, so könnte eine Antwort lauten, sie kommen, jüdisch gesehen, aus einem Gebiet, in dem der polnische Gebetsritus vorherrschte. Dieser Ritus genannt „Minhag Polen”, umfasste innerhalb des früheren Preussens das gesamte Ostelbien, d.h. sämtliche Provinzen, die östlich der Elbe lagen. Wohlgemerkt, das was wir unter „Minhag Polen” verstehen, ist keineswegs identisch mit den Gebetsminhagim des eigentlichen Polens, wobei wir hier stellvertretend die grossen Gemeindegefilde von Warschau, Lodz, Lublin und Wilna erwähnen möchten. Auch die ehern, österreichischen Lande West- und Ostgaliziens rechnen, nicht eigentlich dazu. Jedoch weisen Böhmen und Mähren, wie auch Ungarn — bis 1918 zur Donaumonarchie gehörig — besagten Gebetsritus auf. Natürlich gab es in einem so grossen Raum Unterschiede und Abweichungen voneinander. Aber dieselben waren nicht allzu gross. Im preussisch-deutschen Gebiet hatten zwei Gebetbücher besondere Zustimmung gefunden: das Krotoschiner und das Sachs’sche Gebetswerk. Krotoschin lag im südlichen Teil d. Provinz Posen an der Grenze zu Schlesien. Die Familie Monasch hatte dort in der ersten Hälfte des vorigen Jahr, hundert eine hebräische Druckerei gegründet und entwickelt, (Ab 1833). Deren Produktion fand Eingang in allen Gemeinden Deutschlands die nach polnischem Ritus beteten... Das währte einige Jahrhunderte hindurch, und die Mehrzahl unserer Leser wird sicher mal in der Jugend einen Machsor oder einen Chumasch in der Hand gehabt haben, das in Krotoschin gedruckt worden ist. Diese Machsor-Ausgaben zwischen etwa 1845 und 1880 wurden von dem Übersetzer Raphael Fürstenthal 1781 — 1855 (Glogau/Breslau) redigiert. Fürstenthal verfügte über gründliche Kenntnis der hebräischen Sprache, und zeichnete sich durch ein grosses Können auf dem Gebiet der klaren Übersetzung und Einführung aus. Dasselbe trifft für den Prediger Dr. G. Salomon (Hamburg) zu. Er hat die Fünf Bücher Moses übersetzt und mit kurzem Kommentar versehen. Dieser Chumasch dürfte in vielen tausenden von Familien Eingang gefunden haben. Seine Beliebtheit wurde gewiss noch dadurch gesteigert, dass sich an die einzelnen Wochenabschnitte auch noch die Haftaroth mit Übersetzung, wie auch die sonstigen Gebete für den Schabbath anschlossen. Sogar die „Jauzres” fehlten nicht, die ja wirklich Von HANS CHANOCH MEYER noch in einigen Gemeinden in damaliger Zeit gesagt wurden. — Mindestens so erfolgreich, wenn nicht erfolg, reicher, war der Sachs’sche Siddur und der Sachs’sche Machsor. Dieser Siddur und Machsor wurden in der Zeit unserer Grossväter und Väter als modern empfunden und haben sich in der Tat bis zur Zerstörung der Gemeinden 1938 gehalten. Der Siddur, wie auch der Machsor, wurden zunächst nur in Breslau gedruckt und verlegt, und beherrschten ab etwa 1880 den “Markt” in allen Gemeinden des östlichen Deutschlands, einschliesslich Berlins. Allerdings wurde der Rödelheimer Siddur (Frankfurt M.) mit seinen verschiedenen Ausgaben bzw. Fassungen von den Schulmännern für den Unterricht als geeigneter erachtet, da bei ihm die Übersetzung wegfiel. So gab es zwischen „Sachs” und „Rödelheim” während der letzten drei Jahrzehnte der jüdischen Existenz in Deutschland eine friedliche Konkurrenz. Drei bedeutende Persönlichkeiten aus dem posensch-schlesischen Gebiet haben dem deutschen Judentum, durch ihre hervorragenden Leistungen, ihren Stempel aufgedrückt: Michael Sachs 1808 —- 1864, Heinrich Graetz 1817 — 1891 und Louis Lewandowski 1821 — 1894. Sachs in Glogau geboren, wurde Rabbiner und Prediger in Berlin Alte Synagoge (Heidereutergasse). Das jüdische Berlin stand im Zeichen einer verflachten Reform, fast könnte man schon sagen, einer Reformation. Da erschien Michael Sachs auf der Bildfläche. Ausgestattet mit einem Wortreichtum und mit dichterischem Genius, verbunden mit einem tiefen jüdischen Wissen, entwickelte er sich zu einer zentralen Persönlichkeit innerhalb der aufstrebenden Gemeinde. Seine Predigten zogen Hunderte und Tausende in ihren Bann. Man hat seine Predigten und Schriften nicht mit Unrecht mit dem Klassiker Friedrich Schleiermacher verglichen. Von einmaliger Sprachgewalt gilt Sachs auch in der Rückschau als derjenige, welcher vom jüdischen Feuer durchglüht, den hemmungslosen Tendenzen der extremen Reform, Einhalt geboten hat. — Sein jüngerer Zeitgenosse Heinrich Zwi Grätz war Dozent am Jüdisch-Theologischen Seminar, Fraenkelsche Stiftung, in Breslau (1854 bis 1939). Er hat als erster eine vielbändige Geschichte der Juden geschrieben, die noch heute als epochemachend gilt. Wenn heute in der ganzen jüdischen Welt, eine Judaistik bzw. Wissenschaft des Juden. GERMANIA jüDAICA Kölner Bibliothek ,w Gesdilfbte des deutschen Judentum* e.V. ■ft- 6s& tums existiert, so geht diese in ihren Ursprüngen entscheidend auf Graetzens Wirkungsstätte in Breslau zurück. — Was nun die Formung des jüdischen Gottesdienstes betrifft, so gibt es die vorlewandowskische Zeit mit ihrer wenig geordneten Durchführung der Gebetsfolge, so wie sie noch heute oft genug anzutreffen ist. Die jüdische Welt in Mitteleuropa empfand vor 150/160 Jahren, dass es innerhalb dieses Bereichs von nöten sei, eine Art von konstruktiver Reform einzuräumen. Zwei geniale Musiker traten zu etwa gleicher Zeit auf: Salomon Sulzer, Chasan in Wien und Louis Lewandowski der Komponist und Chormeister in Berlin. Beide im Gebetsbereich des polnischen Ritus. Die Gesänge von Sulzer erstreckten sich über Mähren und Böhmen auch nach Schlesien und Posen, ja auch nach Berlin (Lecha do. di, komponiert von Sulzer in den Synagogen mit konservativem Ritus!) Das musikalische Feld Im allgemeinen jedoch beherrschte Louis Lewandowski. Darin waren sich Konservative und Liberale einig. Wenn es heute in der grossen Jüdischen Welt einen Gottesdienst mit Chorgesang und geordneter “Chasanut” gibt, die sich an traditionelle Gesänge halten, so geht dies in erster Linie auf Louis lewandowski zurück. Man denke an die musikalische Einrahmung eines Freitag Abend. An die Gesänge beim Aus- und Einheben der Thora, an die Motive der drei Wallfahrtsfeste und vorallem an Rosch Haschana und Jom Kippur mit ihrem sakralen musikalischen Ausdruck. All dies hat Lewandowski mit seiner Anlehung an die Jüdische Tradition geschaffen oder festgelegt. Es dürfte wohl kaum einen stärkeren gefühlsmässigen Impetus auf den jüdischen Menschen gegeben haben und zum Teil heute noch geben, als die edle Musikalität dieses Chormeisters. Er stammt aus der Provinz Posen und wirkte an derselben Alten Synagoge in Berlin, an der Sachs Rabbiner war. Er hat dann aber später seine Wirkungsstätte an die Neue Synagoge in der Oranienburgerstrasse verlegt. Wenn wir hier diese drei Persönlichkeiten uns ins Gedächtnis zurückrufen, die aus dem posenschschlesischen Raum stammen und deren Wirken von grossem Einfluss auf die jüdische Welt war, so bedeutet das keineswegs, dass auch nicht anderswo an der Festlegung dieses religiösen und allgemeinen Baus gearbeitet wurde. Mit der Her. (Fortsetzung auf Seite 2)