Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2007
- Issue
- No. 82 (2007)
- Date
- 2007-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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8 (j/e/jt (nuf &$eumitAewv Aschkenasische und sepbardische Sepulkraltraditionen auf dem Friedhof in Venedig Das Bewusstsein eigener Identität braucht den Kontakt mit den anderen, der sie, wenn er sie auch nicht gerade hervorruft, sie doch verstärkt. Der Antagonismus von Christentum und Judentum trug in diesem Sinne zur Stärkung von Identitätsbewusstsein bei; und er tritt uns stets zunächst vor die Augen, doch kennt die jüdische Geschichte unter der griffigen Formel: "Wir und die anderen" auch feiner differenzierte Verwirklichungen von Identität. Mit der Einrichtung eines separierten Wohnbezirks für Venedigs-Juden im Jahr 1516 erhielt der christlich-jüdische Antagonismus einen örtlichen, topographisch-urbanistischen Ausdruck. Innerhalb des Ghettos herrschte indessen kein ungeteiltes Wir-Gefühl. Zu verschieden waren die Gruppen der Universitas hebraeorum in Herkunft, Sprache und religiösem Brauch. Zu den italienischen Juden, den italqim, die seit dem Mittelalter in Venedig lebten, waren aus deutschsprachigen Gebieten aschkenasische Juden zugewandert, die noch bis Ende des 16. Jahrhunderts Jiddisch sprachen. Neben ihnen bildeten Juden spanischportugiesischer Abstammung eine kleine sephardische Gemeinde, die aber stark anwuchs, seitdem die Republik 1589 um ihre Zuwanderung regelrecht geworben hatte. Diese nationi, wie die venezianischen Behörden sie bezeichneten, hatten jeweils eigene Synagogen, von denen heute noch fünf besichtigt werden können, und verwalteten sich autonom. Sie alie teilten sich jedoch einen einzigen, gemeinsamen Friedhof auf dem Lido. Seine wissenschaftliche Erforschung reicht von der Inschriftensammlung des deutsch-jüdischen Von Rafael Arnold Forschungsreisenden Abraham Berliner 1881 zu der prächtigen zweibändigen Dokumentation, die vor kurzem von Aldo Luzzatto herausgegeben wurde. Bedauerlich ist nur, dass selbst in dieser bislang ausführlichsten Untersuchung nicht darauf hingewiesen wird, wie sehr sich die kulturelle Vielfalt des Ghetto auch in den Unterschieden der Sepulkraltraditionen niedergeschlagen hat, die sich hier Seite an Seite finden. Bei einem Augenmerk für die spezifischen kulturellen Ausdrucksformen lässt ein unmittelbarer Vergleich die Eigenarten der jüdischen Gruppen aufscheinen. Während die Italqim und die Aschkenasim den Verstorbenen ihrer "Nation" aufrecht stehende Grabsteine an das Kopfende des Grabes setzten, bevorzugten die sephardischen Juden liegende Steinplatten, die das Grab in Form eines schlanken Rechtecks bedecken. Die jeweils gewünschte Aufstellung verlangte auch eine unterschiedliche Ausführung und Beschriftung der Steine. Auch an ihrem aufwendigen Dekor sind die sephardischen Grabstätten zu erkennen. Reiche Voluten, Draperien, sogar Engelputten zieren die kostbareren Grabsteine. Unnötig zu betonen, dass sich darin christliche Vorlieben zeigen, denen besonders die ponentini nachhingen, nachdem sie Generationen lang als anussim, zwangsgetaufte Christen, auf der Iberischen Halbinsel gelebt und sich erst spät zu Exil und Rückkehr zum Judentum entschlossen hatten. Gemeinsamkeit stiftete die heilige Sprache, denn die Mehrzahl der Denksteine auf dem alten Teil des Friedhofs trägt, wie nicht anders zu erwarten, einsprachige hebräische Inschriften. Aber schon aus den Jahren 1617, 1624, 1630 und 1649 stammen die ältesten erhaltenen Inschriften in lateinischen Buchstaben. Spätestens ab den siebziger Jahren wurde es unter den sephardischen Juden üblich, zumindest die Angaben zu Person und Todesdatum auf Spanisch oder Portugiesisch zu verfassen. Wohl unter diesem sephardischen Einfluß veränderten auch die italienischen Juden allmählich Tradition und Brauch. Anfänglich nur selten, später aber häufiger verwendeten sie das Italienische, während sie das Jiddische völlig vermieden: Dies zeigt, dass die divergierenden Sepulkraltraditionen der verschiedenen jüdischen Gruppen spätestens im 17. Jahrhundert einander beeinflussten. Heute liegen oder stehen die meisten Grabsteine des Friedhofs auf dem Lido leider nicht mehr in situ. Aus Gründen des Schutzes vor Wasser, Witterung und Wurzelwerk hat man sich für ihre überwiegend lotrechte Lagerung entschieden, auch wenn dies nicht die ursprüngliche ist. Doch fehlt es glücklicherweise nicht an Dokumenten, die uns helfen können, die einstige Gestalt des Ortes und manches von der Bedeutung zu rekonstruieren, die sie für die Zeitgenossen hatte. Dazu zählen insbesondere die im Staatsarchiv on Venedig (ASV) aufbewahrten Testamente, die oft geneue Bestimmungen zu den Grabsteinen enthalten und deshalb eine wichtige Quelle für die materiellen wie ideellen Aspekte dieser Artefakte darstellen. Immer wieder findet sich in den Testamenten der Hinweis auf die usanza, die in der jeweiligen Gemeinde übliche Art und Weise, Grabsteine anzufertigen. Einerseits beharren (Fortsetzung au! Seite 9}