Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2007
- Issue
- No. 82 (2007)
- Date
- 2007-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 (Fortsetzung von Seite 2) Arbeitslosigkeit wieder auf die Spalten des Blattes. In Schlesien hatte es seit Gustav Freytags Zeiten immer einen starken, ökonomisch argumentierenden Antisemitismus gegeben. Im Gemeindeblatt lässt sich dies an der Diskussion über die im Falle jüdischer Arbeitnehmer überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit gut verfolgen. Die Gründung eines jüdischen Arbeitsnachweises sollte ein wirksames Mittel gegen die antisemitisch motivierte Entlassung jüdischer Arbeitnehmer sein. Umgekehrt hatten arbeitslose Juden oftmals keine Chancen, eine Arbeit zu finden, weil »bei einer außerordentlichen Anzahl von Arbeitgebern die Tendenz vorhanden ist, jüdische Arbeitnehmer nicht zu beschäftigen.« (1926) Einen nicht minder zentralen Ort im Gemeindeblatt nahm seit Ende der 1920er Jahre die Diskussion um die berufliche »Umschichtung« ein. Überdurchschnittlich viele Juden - nicht nur in Schlesien - waren als selbstständige Kaufleute bzw. allgemein im kaufmännischen Sektor tätig (allem voran natürlich in der Textilbranche), aber gerade hier war die Arbeitslosigkeit nach 1929 besonders drückend. Das Gemeindeblatt diskutierte nicht nur die vielfältigen Initiative der Gemeinde wie ein Kreditprogramm für den Mittelstand bis hin zur Gründung einer Jüdischen Genossenschaftsbank in Breslau (1931), sondern eben auch über die Frage nach einer beruflichen Umorientierung der Jugend, d. h. eine stärkere Hinwendung auf handwerkliche Berufe, ohne dass man sagen könnte, dass diese Diskussion bereits von der Hachscharah-Bewegung besonders geprägt gewesen wäre. Die nationalsozialistische »Machtergreifung« und die nachfolgende Bedrückung und Terrorisierung der jüdischen Bevölkerung brachte für das Gemeindeblatt jedoch einen tiefgreifenden Wandel mit sich. In politischer Hinsicht wurde es neben anderen jüdischen Zeitungen zu einer Art Publikationsforum der 1933 gegründeten Reichsvertretung der deutschen Juden, nach innen jedoch forderte es seine Mitglieder dazu auf, »Selbstzucht, Zurückhaltung und Besonnenheit in Wort und Meinungsäußerung« zu üben, aber auch Hilfsbereitschaft füreinander zu zeigen (April 1933). Wie schmal der Grat war, auf dem sich die Artikel des Gemeindeblattes und ihre Autoren nach der »Machtergreifung« bewegten, zeigt nicht nur die Verhaftung des Herausgebers Ernst Rechnitz und das vorübergehende Verbot des Gemeindeblattes (August 1933 bis Januar 1934), sondern auch die Änderungen, die der aufmerksame Leser am Sprachduktus feststellen kann: mit äußerster Vorsicht musste die Gemeinde agieren, um die Grenzen des Sagbaren auszuloten, aber dennoch den Gemeindemitgliedern Erbauung, Information und so etwas wie einen geistigen Zusammenhalt zu sichern. Entscheidend für das Profil des Gemeindeblattes wurde, dass mit dem Berufsbeamtengesetz vom 7. April 1933 und seiner sinngemäßen Anwendung auch auf Angestellte auch viele Breslauer Juden von einem Tag auf den nächsten ihren Beruf und damit auch die Existenzgrundlage für sich und ihre Familien verloren. Die Gemeindestrukturen, vor allem die Fürsorgeeinrichtungen der Synagogengemeinde, mussten auf diese Weise für viele Gemeindemitglieder als die letzte Rettung erscheinen. Nicht wenige Assimilierte und solche, die dem Glauben der Vorfahren fern standen, fanden durch diese Integrationsfunktion der Gemeinde zum Judentum zurück. Die Bedeutung von jüdischem Arbeitsamt, Umschichtungskursen, Rechtsberatung u.v.m. findet sich auf beinahe jeder Seite des Gemeindeblattes nach 1933. In dem Maße, in dem sich der NS-Terror verstärkte, wuchs diese Bedeutung noch weiter an, auch msmam -r - wenn die zionistische Kritik hieran, die assimilierten Juden würden sich nun in der Not ihrer religiösen und kulturellen Heimat und Herkunft erinnern, sicher nicht völlig unzutreffend war. Es blieb im Gemeindeblatt bei der Zweiteilung in historische bzw. feuilletonistische Beiträge und in solche zur wirtschaftlichen Lage sowie Sicherung der jüdischen Gemeinde und ihrer Mitglieder. Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die zahlreichen Annoncen und Reklamen. Die gewerblichen Anzeigen im Gemeindeblatt geben unübersehbar den Fortgang des Antisemitismus und dann der NS-Judenverfolgung wieder. Finden sich in den 1920er Jahren sehr wohl auch zahlreiche Anzeigen nichtjüdischer Unternehmer und Geschäfte, so wurden die Anzeigen nach 1933 doch sehr rasch zum Spiegel eines mehr und mehr abgeschlossenen, innerjüdischen Wirtschaftssektors, dessen Leistungsangebot sich notgedrungen am Bedarf und der Zahlungsfähigkeit der Breslauer Juden orientierte. Nachdem die Nationalsozialisten in Schlesien zahlreiche Listen mit jüdischen Geschäften und Betrieben in Umlauf gesetzt hatten, um zu deren Boykott aufzurufen, blieb vielen Juden - viele davon nach wie vor im Sektor der Textil- und Konfektionsindustrie sowie des Bekleidungshandels tätig - gar keine andere Wahl, als im Gemeindeblatt und der übrigen jüdischen Presse ihre Waren oder Dienstleistungen anzubieten, umso mehr als immer weniger Nichtjuden - von den Anhängern des NS-Regimes ganz abgesehen - es wagten (bzw. wegen der vielen antisemitischen Verordnungen noch konnten), ihre mitunter langjährigen Geschäftbeziehungen mit Juden aufrechtzuerhalten. Für viele Unternehmer und Geschäftsinhaber, die den Nationalsozialismus nur für ein (Fortsetzung auf Seite 4)