Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2006
- Issue
- No. 80 (2006)
- Date
- 2006-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Johanneum in Breslau und seine luden von Gabriel Holzer Die Breslauer Juden waren vor 1933 sehr an höherer Bildung interessiert und so stellten sie auch einige Nobelpreisträger. Nach dem ersten Weltkrieg wurde sogar eine eigene jüdische Schule gegründet, die religiös-zionistisch orientiert war und ein hohes Niveau besaß, jedoch sich mehr auf reale Fächer spezialisierte. Die jüdische Elite jedoch, die vor allem an humanistischer Bildung interessiert war, ohne religiöse Tendenzen, bevorzugte das paritätische Johannesgymnasium ("Johanneum”), das ihr den Weg in die bessere Gesellschaft öffnen sollte. Zum Beispiel lernte dort der spätere Ministerialdirektor Dr. Badt, der selbst religiös, sogar einen regelmässigen Schabbat-Gottesdienst bei der Schule einführte. Als ich 1932 als Sextaner aufgenommen wurde, bestand meine Klasse von 30 Schülern aus drei reinen “Ariern”, während die übrigen Schüler Volljuden oder Halbjuden waren. Religionsunterricht wurde in den beiden christlichen Religionen und natürlich auch für Juden erteilt. Ich erinnere mich, dass ein Mitschüler sich nicht entscheiden konnte, zu welcher Religion er eigentlich gehörte, da er ein Halbjude war. Nachdem der hörte, dass es bei den Juden die besten Zensuren gäbe, entschloss er sich für die jüdische Religion zu optieren. . . Im Winter 1932 spielte der nichtjüdische Musiklehrer Pollocek am Klavier nicht nur Weihnachtslieder, sondern auch Ma’os Zur. Aber bereits Ostern 1933 wurde er, als Sozialdemokrat, entlassen. Das selbe Schicksal ereilte auch den Direktor der Schule und natürlich auch alle jüdischen Lehrer. Darunter war auch der bekannte Willi Cohn, der in meiner Klasse Geographie unterrichtete und wegen seines Humors bei den Schülern sehr beliebt war. Die meisten jüdischen Schüler wanderten nun allmählich aus oder gingen in die jüdischen Schulen über, denn die humanistische Bildung war ja jetzt unwichtig geworden. Parallelklassen wurden zusammengelegt und bald darauf das Johanneum mit dem Zwinger- Realgymnasium unter dem “schönen” Namen “Deutsche Oberschule für Jungen” vereinigt. Während nach Ostern 1933 die besten Schüler Prämien erhielten - und das waren natürlich nur Juden - im nächsten Jahr waren Juden von der Prämien Verteilung ausgeschlossen. Die älteren Lehrer waren meistens Deutsch- Nationale, aber keine Antisemiten, während die jüngeren Lehrer zumeist Nazis waren. Im Prinzip wurden zwar alle Fächer weiter unterrichtet, aber viel verkürzt oder verändert. Biologie wurde hauptsächlich Rassenkunde. Als ein älterer Lehrer über die Juden sprach, wählte er sich, taktvollerweise, gerade die jüdischen Feiertage, wo wir Juden ja befreit waren. In Geschichte erhielt das Lehrbuch ein Kapitel über jüdische Geschichte. Zur grossen Freude der Schüler brachte man uns Papier und Klebstoff, um die betreffenden Seiten zu überkleben, wir brauchten also weniger zu lernen. - In Latein lasen wir bei Julius Caesar vor allem über die Tapferkeit und militärische Tüchtigkeit der Germanen. - In Griechisch wurden alle Götter plötzlich blond und blauäugig, d.h. Arier. Da ich selbst Ausländer war, blieb ich bis Herbst 1938 in dieser Schule. Aber allmählich gab es auch bei mir Einschränkungen. Bei Ausflügen durfte ich mich nicht mehr beteiligen, ebenso beim Turnen, das jetzt ein Hauptfach wurde. Ich musste auf einer besonderen Judenbank sitzen und die arischen Mitschüler durften mit mir nicht mehr sprechen. Aber nicht nur ein Italiener, der selbst Halbjude war, sondern auch einige andere sprachen mit mir im Geheimen, vor allen Dingen, wenn sie von mir abschreiben konnten. Als mich dann mein Vater vor unserer Auswanderung im September 1938 beim Direktor abmeldete, schlug dieser vor, ich solle unter seiner Aufsicht und Verantwortung 1-1/2 Jahre bis zum Abitur in einem Internat verbleiben, denn “ein deutsches Abitur werde in Palästina sehr geschätzt”. Natürlich lehnte mein Vater diesen Vorschlag dankend ab und fast als letzter Jude verließ ich die Schule. In seiner Glanzzeit übermittelte das Gymnasium seinen Schülern nicht nur Lernstoff, sondern suchte auch, ihre Persönlichkeit im Sinne eines humanistischen Ideals zu formen. Gleichzeitig mit dem tragischen Untergang des deutschen Judentums seit 1933 ging also auch das Johannesgymnasium zu Grunde.