Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2005
- Issue
- No. 78 (2005)
- Date
- 2005-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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17 Was ist "neu" am "neuen" Antisemitismus? "Vor 55 Jahren wurde der Staat Israel gegründet, um die Probleme des alten Antisemitismus zu lösen. Nun ist der Staat Israel zum Juden der Welt geworden. Seine Bürger werden ebenso ghettoisiert isoliert, wie die Juden es einst in Europa und unter islamischer Herrschaft wurden. Die Juden in Israel sind großer Gefahr ausgesetzt. Aber auch die Juden in Europa, in Südamerika, Afrika und Asien - überall auf der Welt - befinden sich zunehmend in Gefahr." Ausgehend von dieser zentralen These untersucht die feministische jüdische Autorin Phyllis Chesler die globale Entwicklung nach dem 11. September 2001. Im ersten Kapitel ihres Buches "Der neue Antisemitismus" schildert sie ihre Gefühle und Gedanken am 11. September 2001, die dazu führten, dass sie dieses Buch schreiben "musste". Ausgehend von ihrer These definiert Chesler: "Neu an diesem neuen Antisemitismus ist, dass antisemitische Akte verbaler und körperlicher Gewalt gegen Juden von politisch korrekten Menschen begangen werden - im Namen von Antikolonialismus, Antiimperialismus, Antirassismus und Pazifismus." Neu ist ihrer Meinung nach auch, "dass Juden, die keine israelischen Staatsbürger sind, aufgrund der israelischen Politik von islamistischen und palästinensischen Terroristen als Geisel genommen werden können." Sie weist an anderer Stelle darauf hin, dass der palästinensische Terror von Anfang an Juden stellvertretend für Israel tötete, etwa während der Entführung des Kreuzfahrtschiffes "Achillo Lauro" 1985. Chesler sieht vier Intifadas, die die Juden weltweit bedrohen: "Eine in der islamischen Welt, eine zweite in Europa, eine dritte an den Universitäten in Nordamerika und eine vierte, die von Al-Kaida gegen Amerika und den Westen gerichtet wird." Neu seien auch das Tempo und die Intensität, mit der Fernsehen und Internet antisemitische Propaganda überall verbreiten könnten. Die Ideologie dieses neuen Antisemitismus beinhalte alles, was in den letzten 2000 Jahren Antijudaismus und Antisemitismus jemals formuliert worden sei, erweitert durch aktuelle Bezüge, wie die Behauptung, der 11. September 01 sei ein Werk der Zionisten gewesen. Die Lektüre der Untersuchung Cheslers ist beunruhigend und deprimierend in mehrfacher Hinsicht: 1. Unser Alltagsbewusstsein ist gegenüber Anschlagsmeldungen aus aller Welt inzwischen ziemlich abgestumpft. Eine (nicht vollständige) Auflistung der Anschläge in Israel seit 2000 verdeutlicht das erschreckende Ausmaß der tatsächlichen Bedrohung. 2. Die zusammenfassende Betrachtung terroristischer Anschläge in aller Welt, die sich - auch schon vor dem 11. September 2001 - gegen Juden und jüdische Einrichtungen richteten, unterstützt die zentrale These der Autorm bestürzend eindeutig. 3. Cheslers Erlebnisse mit dem "neuen" Antisemitismus im akademischen, vorzugsweise im linken und feministischen akademischen Milieu Nordamerikas wirken auf die mitteleuropäische Leserin geradezu verstörend. Beklommen stelle ich fest, dass über die vorherrschende Meinung zum Nahostkonflikt an den deutschsprachigen Universitäten wenig bis gar nichts ins öffentliche Bewusstsein dringt. In dem Sammelband "Neuer Antisemitismus? - Eine globale Debatte", den der Suhrkamp Verlag 2004 herausgebracht hat, finden sich aber klare Hinweise auf die einseitige "antizionistische" Meinungsführerschaft im deutschen akademischen Milieu. 4. Die zweifelhafte Rolle der Medien, v.a. des Fernsehens und des Internets bei der Darstellung des Nahostkonfliktes thematisiert Chesler ausführlich, u.a. am Beispiel des Schicksals des Jungen Mohammed al-Dura, der im Jahre 2000 vor laufenden Kameras erschossen wurde - aber nicht von israelischen Soldaten, wie inzwischen bewiesen ist. 5. Die ungeheuerlichen Vorgänge bei der "Islamischen Konferenz" im Oktober 2003 erwähnt Chesler übrigens nicht. Damals rief der scheidende malaysische Ministerpräsident Mahathir Mohamad (78 Jahre alt) in bester Goebels'scher Manier zum all-islamischen Kampf gegen die angebliche Weltherrschaft der Juden auf. 57 Staatschefs applaudierten und niemand unter den 2000 Journalisten protestierte. Medienkritik in diesem Bereich wird in der BRD fast ausschließlich von den jüdischen Gemeinden oder in internen Diskussionen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft geübt. 6. Entsprechend hilflos erscheint der Aufruf zu einer privaten Informationsoffensive, um Gegenöffentlichkeit zu schaffen, den Chesler an die amerikanischen Juden, die Juden in aller Welt und an alle anständigen Menschen überhaupt richtet. Die Autorin weist in ihrer Untersuchung mehrfach darauf hin, dass sie in den letzten Jahren religiös geworden sei. Das führt dazu, dass sie mitunter den Bereich rationaler Argumentation verlässt. So formuliert sie im Zusammenhang einer möglichen islamistischen Terrorofensive gegen die USA: "Die Juden haben immer überlebt: auch die Zerstörung Jerusalems und Israels, Verfolgung und Exil. Vielleicht müssen wir dies noch einmal tun." Phyllis Chesler stellt die Sachverhalte sehr emotional und aus persönlichem Erleben dar. Das ist in Deutschland für ein Sachbuch mit wissenschaftichem Anspruch ungewöhnlich, sollte aber nicht den Blick auf die erschreckende Wahrheit, die ihre Analyse auch enthält, verstellen. Brigitte Mießner Der neue Antisemitismus Die globale Krise seit dem 11. September Phyllis Chesler Schwartzkopff Buchwerke Hamburg/Berlin, 277 S. Zu demselben Themenbereich aus unterschiedlichen Perspektiven: Doron Rabonovici, Ulrich Spreck, Natan Sznaider (Hrsg.) Neuer Antisemitismus? - Eine globale Debatte Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2004, 332 S. "Die Mahnung", 1.3.2005