Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2005
- Issue
- No. 78 (2005)
- Date
- 2005-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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(Fortsetzung von Seite 6) möglich. Dafür müssten diese nur bereit sein, ihre Religion und Kultur aufzugeben, und sich bedingungslos der christlichgermanischen Umwelt anpassen. Innerhalb von drei Generationen nach dem Übertritt zum Christentum könnte so das "verdorbene und entartete" jüdische Element im deutschen Volke wohl verschwinden. "Die frühe deutsche Nationalbewegung", schreibt die Berliner Historikerin Karen Hagemann in ihrer 2002 erschienenen Studie 'Mannlicher Muth und Teutsche Ehre', "erwies sich von Anfang an als aggressiv und ausgrenzend gegenüber allem, was mittels ethnischanthropologischer Kriterien als "nicht deutsch" definiert wurde. Antifranzösischer Nationalchauvinismus und früher Antisemitismus reichten weit über den engen Zirkel der bekannten deutschnationalen Vordenker hinaus." Das deutsche Nationalbewusstsein, dessen Charakter die Germanomanen so maßgeblich bestimmten, gründete auf Ausgrenzung und Ressentiment, auf Feindseligkeit gegen Juden, Franzosen und bald auch andere Nationen. Fremdenhass und Judenfeindschaft "waren konstitutiver Bestandteil des deutschnationalen Denkens der frühen Nationalbewegung". Da ihm der Boden in Preußen zu heiß wird, übersiedelt Hundt 1817 ins sächsische Altenburg, zwei Jahre später zieht er ins Dorf Plagwitz bei Leipzig. In Berlin lässt er eine Flugschrift zur Ermordung des Dichters August von Kotzebue drucken, in Leipzig publiziert er eine Arbeit gegen die preußische Zensur. Auch dient er dort seinem antisemitischen Verleger Ernst Klein kurz als Herausgeber des 'Zeitblatts für Literatur und Politik'; bereits nach einer Woche wird ihm die Redaktion allerdings wieder entzogen. Nach dem Mannheimer Attentat auf Kotzebue lässt Metternich die "Demagogenverfolgung" verschärfen; auch Jahn wird der Prozess gemacht. Überstürzt kehrt Hundt Sachsen im Juli 1819 den Rücken, nachdem er erfahren hat, dass seine Verhaftung und Auslieferung an Berlin unmittelbar bevorstehe. Vorerst begibt er sich wohl in den thüringischen Kleinstaat Schwarzburg-Sondershausen. Hier erscheint im Herbst 1819 bei dem Verleger Bernhard Friedrich Voigt, neben zwei weiteren Flugschriften Hundts, sein berüchtigtes "Hauptwerk": der 'Judenspiegel - ein Schand- und Sittengemälde alter und neuer Zeit'. Der Verleger wählt vorsichtshalber ein Pseudonym: Christian Schlagehart, ersichtlich ein sprechender Name. Zur weiteren Tarnung ist als Publikationsort Würzburg angegeben, nicht zufällig die Stadt, die wenige Monate zuvor, im August, Ausgangspunkt der antijüdischen Hepp- Hepp-Unruhen gewesen ist (benannt nach der viel gegrölten Parole "Hepp! HeppU HeppH! Aller Juden Tod und Verderben / Ihr müßt fliehen oder sterben!"). Wie ein Lauffeuer hatten sie sich auf zahlreiche Orte in Deutschland und selbst in Nachbarländern ausgebreitet. Diese Krawalle, die mehrere Todesopfer forderten - nicht, was reiner Zufall war, unter den Juden, die oft vorübergehend aus ihrem Heimatort geflüchtet waren -, entzündeten sich wesentlich an der Auseinandersetzung um Status und Rechte, um die Emanzipationsfrage. Nach einer jahrelangen, besonders von Zunftbürgern und Professoren (wie K.W.F. Grattenauer, Friedrich Rühs und Jacob F. Fries) betriebenen Agitation wider die staatliche Politik schrittweiser Emanzipation, in einer Situation allgemein scharfer politischer und ökonomischer Spannungen zumal, musste irgendwann der Zeitpunkt kommen, da die antisemitische "Theorie" in die Praxis eines Pogroms umschlug. Der 'Judenspiegel' erlebt inerhalb von drei Wochen zwei Auflagen mit insgesamt 10 000 Examplaren. Während Hundt eine dritte Auflage vorbereitet, lassen interessierte Kreise die Schrift 1821 in Reutlingen und, gekürzt, in Ulm nachdrucken. Obwohl im größten Teil Deutschlands wegen Störung des Religionsfriedens bald verboten, findet das Buch rasch weitere Verbreitung. Unter dem Titel ‘Die Naturgeschichte der Juden' wird es 1848 neuerlich auf den Markt gebracht, diesmal von Wien aus. Mit dem 'Judenspiegel' und der 1822/23 in der Schweiz erschienenen 'Judenschule' entwickelt sich Hundt-Radowsky zum Mittler zwischen der überkommenen, christlich geprägten Judenfeindschaft und einem modernen, biologisch-rassentheoretisch 7 begründeten Radikalantisemitismus. Er ist inhaltlich bereits Rassenantisemit, ohne über einen "wissenschaftlichen" Rassebegriff zu verfügen. Noch begründet Hundt seine von unverhohlener Mordlust gezeichneten Vorstellungen wesentlich aus der Religion; so übernimmt er mittelalterliche Ritualmordlegenden. Doch schon ist sein Judenhass, der Vernichtung will, für die ideologischen Bedürfnisse des anbrechenden kapitalistischen Zeitalters aktualisiert und systematisiert. So finden wir das gesamte Arsenal des eliminatorischen Antisemitismus in diesen Schriften - nur, das versteht sich, noch ohne das antiamerikanische und das antikommunistische Element. Alle Juden sind nach Hundt "Abrahams Saame". Unwandelbar seit Anbeginn ist der verbrecherische Volkscharakter der Juden, schlicht grenzenlos ihre Schlechtigkeit. "Der Teufel ist barmherziger als ein Jude", heißt es im 'Judenspiegel'. Immer sind die Juden auf Versklavung und Zugrunderichtung der Christen aus, und "nicht allein das Fleisch der Christen wollen die Israeliten; nicht allein ihr Blut wollen sie aussaugen; auch ihre Seele wollen sie verschlingen". Den Juden angeboren ist auch "ihr specifischer Geruch, den sie sich durch ihre unnatürliche Laster, als ein Allen gemeinschaftliches Erbgut, erworben haben". "Ewig ist jetzt die Rasse, Assimilation die neue Schuld." Massimo Ferrari Zumbini, Historiker an der Universität von Viterbo, formuliert diesen Satz in seinem jüngst erschienenen Buch ‘Die Wurzeln des Bösen' mit Blick auf den Antisemitismus des Kaiserreichs - es trifft jedoch bereits für Hundt-Radowsky zu, und zwar in besonders radikaler Weise. Jede Vermischung von Juden und Nichtjuden muss unterbunden, keinem Israeliten darf der Übertritt zum Christentum gestattet werden, denn "eine solche Annäherung oder Verschmelzung würde für jedes nichtjüdische Volk ein gänzliches physisches und sittliches Verderben zur Folge haben". Den biblischen Jesus hingegen "arisiert" Hundt: "Was Großes, Erhabenes und Göttliches an seinem Leben und seinen Handlungen war, das können die Juden, welche ihn verfolgten und kreuzigten, nicht für sich anführen." Durch das Buch ziehen sich diverse Tier-