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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1965-03-01 · No. 14-15 (März 1965) · p. Seite 12

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1965
Issue
No. 14-15 (März 1965)
Date
1965-03-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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vom Judentum bereits erklärt. Ich glaube, dass man das Judentum nicht auf diese Weise “erlernen” kann, sondern dass man es “erleben” muss. Es gibt Juden, die durch intensive Beschäftigung mit dem jüdischen Schrifttum zur Erkenntnis des Judentums gelangen, aber solche Fälle sind vereinzelt. Die weitaus überwiegende Mehrzahl der Juden, welche von der jüdischen Religion befriedigt sein wollen und diese Befriedigung nicht finden können und nach neuen religiösen Formen und Gebeten suchen, haben — so wie Sie, — wenn sie aus dem west-europäischen Kultursektor stammen — das Judentum in ihrem Elternhaus nicht erlebt. Und ich möchte fast ohne Übertreibung sagen : Mit diesem Erlebnis, das im allgemeinen — Ausnahmen bestätigen die Regel — die Folge einer traditionellen Erziehung ist, steht und fällt die Auffassung vom Judentum im späteren Leben. Ich bitte, mich nicht falsch zu verstehen: Es sollen etwa nicht die, welche nicht so glücklich waren ein traditionelles Judentum in ihrer Jugend vor sich zu sehen, ausgeschlossen sein. Aber die meisten Menschen nehmen sich nicht die Zeit über religiöse Probleme auch nur nachzudenken. Sie leben in den Tag hinein, leben ihrem Beruf, ihrer Familie und, wenn sie dann ein Mal mit den äusseren Formen des Judentums in Berührung kommen, etwa bei einem Gttesdienst, oder sonstigen Gelegenheiten, so wundern sie sich, dass ihnen diese äusseren Formen keinen Inhalt vermitteln und glauben dass eine andere Form sie eher ansprechen würde. Es ist derselbe Irrtum, der bei freireligiösen Christen herrscht, worüber mir jüngst der Rektor einer deutschen Volkshochschule klagte: Er schrieb wörtlich: “Hier in Deutschland möchten die beiden Hauptkonfessionen (ev. und kath.) am liebsten alle ihre Glaubensmitglieder Sonntags in der Kirche sehen. Aber wer tut das schon? Von 100 Kirchensteuerzahlern machen höchstens 10 Gebrauch von den Einrichtungen der Kirche, wenn man von den einmaligen Ereignissen der Taufe, der Konfirmation, der Trauung u. d. Beerdigung absieht. Die anderen 90 denken gar nicht daran, wollen allerdings die Bindung zur Kirche auch nicht aufgeben”. Hier haben wir das gleiche Problem das Sie berühren. Und an diesem Punkt setzt das traditionelle Judentum ein. Es versucht, durch die Erziehung im Judentum, d. h. innerhalb der Überlieferung zum Judentum zu erziehen. Das geht natürlich nur bei der Jugend an und hier beim Kind im zartesten Alter muss der Grund gelegt werden, wenn später sich sowohl der Glaube als auch das innere religiöse, - Seelisch-Geistige entwickeln soll. Lecomte du Noüy schreibt in seinem berühmten Buch “die Bestimmung des Menschen” im 15. Kapitel: “Erziehung und Unterweisung” : “Je jünger das Kind ist, umso leichter erzielt man ein Ergebnis. Die Regeln werden sich unauslöschlich einprägen und alle übrigen Einflüsse, die sich aus der Berührung mit seiner Umwelt ergeben, werden nur Tünche sein, die niemals den ersten Eindruck auslöschen wird” Sie schreiben: "Sie haben die grundsätzliche Auffassung von dem Vorhandensein Gttes” d. h. Sie glauben an Gtt. Wollen Sie mit diesem Glauben Ihre religiöse Einstellung verbinden? Sie haben durchaus Recht, wenn Sie schreiben: “Unser Schrifttum ist in seiner Relation begrifflich von dem Wesen Gttes zu trennen.” Ebenso sind die Naturwissenschaft vom Glauben an Gtt zu trennen. Aber das Wunderbare, fast Mystische, das wir täglich im Kosmos erleben, etwa die herrliche Entfaltung einer Blüte oder gar die Entstehung eines Menschen aus einem winzigen Muttertierchen durch die Befruchtung und diese selbst lassen uns doch ahnen, dass es bei der völlig einheitlichem Entwicklung in der Natur eine dem Menschenverstand nicht zugängliche einzigartigeinheitliche Macht oder Kraft geben muss, die hinter dieser einheitlichen Entwicklung, ich möchte sagen hinter diesen Naturwundern steht und dass dieses Wesen bisher von der Naturwissenschaft noch nicht erfasst und erklärt ist. Wie wollen Sie aber Ihren Glauben an Gtt in die Erziehung der Jugend umsetzen? Können Sie überhaupt einen Glauben erziehen oder gar jemandem aufzwingen? Welche Vorstellung haben Sie von Gtt? Kann sich überhaupt jemand eine Vorstellung von dessen Existenz machen? Und wollen Sie alle Menschen die nicht so gliücklich sind, an die Existenz Gttes “glauben” zu können, von den Segnungen einer Religion — hier des Judentums — ausschliessen? Und Sie werden sicher zugeben, dass Religiosität den Menschen veredelt, ihn zur “Entfaltung” bringt. Sie werden sich vielleicht selbst im Besitze Ihres Glaubens geborgen fühlen. Aber wie wollen Sie diesen abstrakten Begriff in eine konkrete Form bringen, die den Jugendlichen anspricht? Gab es je einen Erzieher, der mit abstrakten Begriffen die Jugend erfolgreich erziehen konnte oder erzogen hat? Ich glaube also, dass man zunächst ein Religionsgesetz, nennen Sie es sinaitisches oder rabbinisches Gesetz Schrifttum, Brauchtum — wie Sie wollen — vollständig von dem Begriff eines allmächtigen Gttes trennen muss Diesem Wesen — wenn man Ihn überhaupt so bezeichnen kann, diese sagen wir seit Urewigkeit vorhandene Allmacht, ist von uns kleinen Menschen völlig unabhängig. Ob wir das Judentum in seinen bestehenden Formen, durch die es sich gerade die Jahrtausende hindurch erhalten hat, anerkennen und äusserlich zum Ausdruck bringen oder nicht — dadurch wird — bleiben wir bei dem nun einmal geläufigen Ausdruck — Gtt nicht im geringsten beeindruckt. Auch der strengste orthodoxe Jude — wenn ich einmal den von mir nicht gerne benutzen Ausdruck "orthodox” gebrauchen darf — wird nicht glauben, dass Gtt von dem (Reach-Nichoach) guten und angenehmen Geruch der in der Tora vorgeschriebenen Opfer, berührt war. Jeder weiss, dass diese Ausdrucksweise der Bibel lediglich in Hinblick auf das menschliche Fassungsvermögen zugeschnitten ist und dass der Anthropromorphismus des Bibel-Gttes ausschliesslich zum besseren Verständnis des Menschen gebraucht wird, weil dieser sonst sich überhaupt nicht eine so umfassende Allmacht in seiner primitiven Denkungsweise vorstellen konnte. Was nun, wie Sie schreiben, “die dogmatische Unveränderlichkeit unseres Gesetzes und kulturellen Einrichtungen und gesellschaftlichen Lebensform bis zum Ende Welt” bedeutet, so möchte ich auf folgendes hinweisen: Ein Dogma — wie bestimmte andere Religionen — kennt das Judentum nicht. Wenn man ein solches überhaupt konstruieren will, so kann es höchstens in dem einen Satz “Höre Israel Haschern ist unser Gtt. Haschern ist einzig”, bestehen. Was sich der einzelne Jude unter diesem Satz vorzustellen vermag, bleibt jedem vom dogmatischem Standpunkt aus, überlassen. Wir haben hierüber im gesamten jüdischen Schrifttum keine Vorschriften. Weder Midraschim, Agadoth und gewiss nicht die chassidische Mystik können als Dogmen bezeichnet werden. Gerade sie zeigen alle, wie mannigfaltig die einzelnen Vorstellungen die sich einzelne gemacht haben, sein können. Sie halten offenbar für Dogmen, was sich in Jahrtausende langer Überlieferung an Tradition, Brauchtum, Minhag einzelner Landsmannschaften herausgebildet hat. Sie ersehen auch hieraus, wie schwierig es ist, aus dem jüdischen Schrifttum allein sich ein endgültiges Urteil über das Judentum zu machen, ohne es in seiner Praxis “erlebt” zu haben. Ebenso verhielt es sich mit dem jüdischen Gesetz selbst. Dieses ist — cum grano salis — wenn man von seinen Ewigkeitswerten und von der uns überlieferten gttlichen Offenbarung absieht — als ein Gesetzbuch wie das anderer Völker anzusehen. Es will studiert sein und seine Verordnungen leuchten dem Laien nicht immer ein. Die Offenbarung, die nach jüdischer Überlieferung einmalig in der Welt erfolgte, enthält das Sittengesetz, welches die Grundlage der geistigen und religiösen Kultur aller Völker bildet. Es ist fraglos dass die praktische Durchführung des jüdischen Religionsgesetzes im heutigen Staate Israel Schwierigkeiten verursacht. Der Staat Israel ist keine Theokratie wie der vor 2000 Jahren untergangene Staat Juda. Er will ein weltlicher Staat sein und ein grosser Teil des jüdischen Volkes will sein “wie alle Völker”. Ob dieser Wunsch, dessen Erfüllung bereits die biblischen Profeten abgelehnt haben, dem Judentum und seinem unvergleichlich einzigartigen sittlichen Werten entspricht, möchte ich dahin gestellt sein lassen. Der heutige Staat Israel, dessen Gründung sicherlich im gttlichen Ratschluss gelegen hat, ist zu jung, um ein Werturteil über seine Existenz zu gestatten. Wir können heute nach einer dreitausendjährigen Geschichte des jüdischen Volkes in seiner Staatsexistenz wie in der Diaspora uns ein historisches Urteil bilden. Aber wir können nach den 16 Jahren des Bestehens des jüdischen Staates Israel noch kein abschliessendes historisches Urteil über ihn gewinnen. Und hiermit hängt die Auflösung oder der Fortbestand uralter jüdischer Gesetze zusammen, welche dem Menschen des 20. Jahrhunderts manchmal unverständlich erscheinen. Die Entwicklung des heutigen Staates Israel wird zeigen wie weit er fähig ist, sich mit dem “Judentum”, auseinander zu setzen, das überstaatlich, überzeitlich und — ich darf wohl sagen — bei aller diesseitigen Einstellung transcendental ist und einen Hauch von jenen Ewigkeitsschauern verspüren lässt, welche die Menschheit zur höchsten Blütezeit wirklicher geistig — seelicher — Kultur befähigt hat. (Und zum Schluss noch ein paar kurze dingliche Bemerkungen in Paranthese, weil Sie darauf Bezug nehmen. Bräuche wie: das Kappore-Schlagen am Erew Jom Kippur oder Bezeichnungen wie “Kriegsgott” für Gtt den Allmächtigen u. ähnliches haben mit den Ewigkeitswerten des Judentums nicht das geringste zu tun. Und der Profet hat Recht, wenn er sagt: “Lippendienst ist kein Gttesdienst”, wenn er gedankenlos verrichtet und Gtt. gleichzeitig gelästert und das Sittengesetz mit Füssen getreten wird, übrigens ist das Wort “Zebaot” nicht mit Kriegsgott identisch. Sie denken wahrscheinlich an das moderne Wort: Zawa, Heer, Armee. Zebaoth will die himmlischen Heerscharen, im erweiterten Sinne die gesamte Menschheit bezeichnen (siehe Secharja 14, 12). „Der Snobismus, der überhöhte Lebenstandard, der Sittenverfall” von dem Sie schreiben, ist absolut unjüdisch, diametral dem Geiste des Judentums entgegen. Das Verbrechertum, das sich leider hier im Staate Israel (wie wohl in der ganzen Welt der “Halbstarken” und “Starken”) breit gemacht, zeigt wie weit wir noch von einer Verwirklichung des Judentums entfernt sind und wie sehr wir uns hüten sollen, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Alle am Fortbestand der Ewigkeitswerte des Judentums interessierten, denkenden, sittlichen Menschen, sollten sich auch im Staate Israel und darüber hinaus in der ganzen Welt vereinigen, welche Auffassung sie auch immer von den Formen des Religionsgesetzes haben mögen, um in gegenseitiger Duldung und Achtung das Ansehen des Judentums der ganzen Welt zu stärken und das eigene jüdische Volk durch seinen Glauben zu beglücken). Dr. Wilhelm Freyhan. 12

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